Opa in der Wehrmacht, Großonkel in der SS - das ist die Verwandtschaft von Moritz Pfeiffer. Der Historiker hat die Erzählung seines Großvaters mit historischen Quellen verglichen. So hat er sich der NS-Vergangenheit in der eigenen Familie gestellt.

Moritz Pfeiffer ist Historiker und hat in der Geschichte seiner Familie den Bezug zur NS-Diktatur, dem Zweiten Weltkrieg und den von Deutschen begangenen Verbrechen untersucht. Sein Großvater hat als Offizier in der Wehrmacht am Krieg teilgenommen. Für seine Abschlussarbeit "Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945" hat der Historiker die Erinnerungen des Großvaters systematisch mit historischen Quellen verglichen.

In Hinblick auf den 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, sagt Moritz Pfeiffer: "Uns trifft keine Schuld mehr. Mich ärgert es, wenn Leute sich verteidigen, dass sie keine Schuld hätten. Die haben auch keine Schuld. Wir haben aber, das ist eben der Unterschied, eine Verantwortung für das, was da passiert ist. Und wir haben die Verantwortung dafür, dass es nicht noch einmal passiert."

Erst die Interviews, dann die Prüfung

Für sein Buch hat Moritz Interviews mit dem eigenen Großvater geführt. Dieser war Berufsoffizier bei der deutschen Wehrmacht und hat auch am Russlandfeldzug teilgenommen. Moritz Anspruch war, seinen Großvater so viel wie möglich über seine Zeit im Zweiten Weltkrieg erzählen zu lassen und dann die Aussagen mit den Mitteln eines Historikers zu überprüfen.

"Dann habe ich meinen Opa befragt, Erinnerungsinterviews durchgeführt und habe dann das, was er erzählt hat, mit Archivquellen auch Familienquellen abgeglichen - also Briefe, die ich finden konnte."
Moritz Pfeiffer, Historiker und Autor von "Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945", heute arbeitet er als Journalist

Einerseits ist bei dem Faktencheck herausgekommen, dass der Großvater von Moritz sich sehr gut und genau erinnert hat. Die eigene Rolle hat er aber sehr klein gemacht, berichtet Moritz. Über Töten, Sterben und Verwundungen habe er kaum sprechen können. Offenbar Zeichen einer Traumatisierung durch den Krieg.

Wissen und Schweigen

Über Kriegsverbrechen, über die Ermordung der Juden hat er nicht berichtet. Moritz konnte allerdings anhand der Quellen einzelne Vorfälle in der Einheit seines Großvaters rekonstruieren. Sein Großonkel war als Angehöriger der SS in Polen mit Handlangerdiensten am Holocaust beteiligt, davon wusste der Großvater von Moritz, sprach aber nicht darüber.

Er habe das nonverbal kommuniziert, sagt Moritz und beispielsweise Bücher zu dem Thema verschenkt, die auch mit der deutschen Rolle extrem kritisch waren.

"Bei manchen Büchern hat er gesagt, das muss die ganze Familie lesen: Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders" beispielsweise, das große biografische Parallelen zur Geschichte mit seinem Bruder aufweist."
Moritz Pfeiffer, Historiker und Autor von "Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945", heute arbeitet er als Journalist

Sein Ausgangspunkt war die Arbeit des Sozialpsychologen Harald Welzer, der mit "Opa war kein Nazi" das extrem positive Familienbild vieler Deutscher von ihrer Familie während der NS-Diktatur nachgezeichnet hatte. Er wollte in der eigenen Familie genauer hingucken.

"Die haben herausgefunden, dass die Deutschen ein extrem positives Familienbild haben und mehrheitlich davon ausgehen, die eigenen Vorfahren hätten mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun gehabt."
Moritz Pfeiffer, Historiker und Autor von "Mein Großvater im Krieg 1939 – 1945", heute arbeitet er als Journalist