Im Mai 1945, vor 74 Jahren, musste die Deutsche Wehrmacht kapitulieren. Adolf Hitler hatte sich längst durch seinen selbst herbeigeführten Tod aller Verantwortung entzogen. Als das Oberkommando der Wehrmacht am 8. Mai die Kapitulationsurkunde in Berlin unterzeichnete, waren 60 Millionen Menschen direkt oder indirekt durch den Nazi-Terror umgekommen. Der Historiker Christoph Dieckmann mit einer Bilanz zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Etwa zwölf bis dreizehn Millionen Menschen starben während der Nazi-Herrschaft durch die gezielte Massenvernichtungs-Maschinerie, etwa in den Konzentrationslagern. Im Einzelnen zählt der Historiker Christoph Dieckmann von der Universität Bern dazu: 5,8 Millionen Juden, drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene, zwei Millionen sowjetische Zivilisten, eine Million polnische Zivilisten, eine Million Zwangsarbeiter, 300.000 jugoslawische Zivilisten und 180.000 Euthanasie-Opfer. Diese Zahlen variieren in den offiziellen Statistiken, allerdings nur leicht.

"Mehr als die Hälfte aller jüdischen Opfer starb nicht in den sechs Vernichtungslagern durch Gas oder Kohlenmonoxid, sondern wurde an tausenden Orten erschossen, erschlagen, verhungerte und starb an Krankheiten und Seuchen."
Christoph Dieckmann, Historiker

Als Experte für Litauen beleuchtet Christoph Dieckmann die spezielle Situation in dem erst 1918 gegründeten Staat, der aber auch exemplarisch für andere osteuropäische Länder stehe. Nach den Forschungen des Historikers haben sich unzählige Litauer - mehr oder weniger freiwillig - in den Dienst der deutschen Zwangsverwaltung gestellt und damit auch gegen die dortige jüdische Bevölkerung. Im Gegensatz zu ihnen hätten die Juden in Litauen keinerlei Wahlmöglichkeiten gehabt, um dem Holocaust zu entkommen.

"Sie saßen in der Falle."
Christoph Dieckmann, Historiker

Interessant sind auch Christoph Dieckmanns Hinweise, dass weder die Ermordung der sowjetischen Juden noch die der Kriegsgefangenen vor dem Ostfeldzug der Deutschen geplant waren. Erst als sämtliche militärischen Planungen fehl schlugen, sei nachträglich die Idee entwickelt worden, nun grenzenlosen Terror zu praktizieren.

Christoph Dieckmann ist als Historiker ein weltweit anerkannter Fachmann für den Holocaust in Osteuropa, speziell in Litauen. Er ist am Historischen Institut der Universität Bern tätig und bereichert mit seinen Erfahrungen unter anderem das Internationale Wilson-Forschungszentrum in Washington. Dieckmann erhielt für seine Buchpublikationen zum Holocaust den Yad-Vashem-Preis. Seinen Vortrag hielt er am 21.1.2019 in der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn.