Rund 50.000 Menschen sitzen in Deutschland im Gefängnis. Das wichtigste Ziel einer Freiheitsstrafe ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Die Historikerin Annelie Ramsbrock hat analysiert, ob das klappen kann.

"Mich interessiert immer: Wer gehört unter welchen Bedingungen dazu", sagt Annelie Ramsbrock. Die Historikerin arbeitet am Leibniz-Institut für zeithistorische Forschung und hat analysiert, wie die Idee der Resozialisierung entstanden ist und wie sie bisher in Deutschland umgesetzt wurde. Ihre Untersuchung hat sie unter dem Titel "Geschlossene Gesellschaft" veröffentlicht.

"So lange ein Staat nicht den Mut hat, darauf zu verzichten, Menschen einzusperren, kann Resozialisierung nicht funktionieren."
Annelie Ramsbrock, Historikerin

"Eine entscheidende Frage ist: Was machen wir mit denjenigen, die wir eingesperrt haben", sagt die Forscherin, "wie kriegen wir diese Menschen dazu, dass sie sich gut benehmen, wenn sie wieder rauskommen?" Warum Resozialisierung im Gefängnis nicht gut funktioniert, hat aus Ramsbrocks Sicht vor allem drei Gründe: Isolation, Regulation und die Sub-Kultur im Gefängnis.

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Die Isolation in einem eigenen System, wie dem Gefängnis, sorge eben nicht dafür, dass die Menschen auf das Leben in der Gesellschaft wieder vorbereitet werden. "Die Erziehung zur Freiheit funktioniert nur unter den Bedingungen, unter denen ein Mensch lebt", sagt die Historikerin. Das Gefängnis sei dafür nicht das richtige Umfeld.

Die Historikerin Annelie Ramsbrock
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Die Historikerin Annelie Ramsbrock

Die starke Regulation sorge außerdem dafür, dass eigenverantwortliches Handeln nicht erlernt werde. "Man hat im Gefängnis überhaupt nicht die Wahl" sagt die Forscherin, "nicht wann man aufsteht, nicht wann man frühstückt." Und die Sub-Kultur unter den Gefangenen (die meisten sind Männer) erschwere die Bedingungen zusätzlich. Besonders diese Subkulturen seien nur schwer zu analysieren.

"Ich habe ein starkes Unwohlsein, bei dem Gedanken, Menschen einzusperren."
Annelie Ramsbrock, Historikerin

Ursprünglich ist die Idee der Resozialisierung in der Weimarer Republik aufgekommen. Es hat aber bis in die 60er-Jahre gedauert, bis sie politisch debattiert und schließlich umgesetzt wurde.