Ohne Kreativität geht nichts. Selbst für den bürokratischsten aller Jobs wird Kreativität gefordert. Nicht kreativ sein zu wollen oder können, ist ein ernsthaftes Defizit. Das war allerdings nicht immer so. Woher kommt dieser kreative Imperativ?

Früher war Kreativität eine Qualität, die Künstler auszeichnete. Doch spätestens seit den 80ern wurde sie zum normativen Modell für die ganze Gesellschaft, stellt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz fest. Kurz gesagt: Jeder hat kreativ zu sein. Das sei schlicht eine gesellschaftliche Antwort auf die Entästhetisierung der rationalistischen Moderne.

"Die Kreativindustrien stellen nur eine Spitze des Eisberges dar, die Spitze einer tiefgreifenden Kulturalisierung der Ökonomie."
Andreas Reckwitz, Kultursoziologe



Die Folgen für uns: Unter anderem schaffe diese pausenlose Aufforderung zur Kreativität - oder das Kreativitätsdispositiv, wie Reckwitz es in Anlehnung an Foucault nennt - einen kreativen Leistungszwang. Möglicherweise ließe sich auch eine Zunahme von Erkrankungen wie Depression oder Erschöpfung zum Teil aus diesem Zwang erklären.

"Wenn das Erbringen kreativer Leistungen soziale Inklusion sichert, dann führt ein diesbezügliches Leistungsdefizit entsprechend zur sozialen Herabstufung und Marginalisierung."
Andreas Reckwitz, Kultursoziologe



Andreas Reckwitz lehrt vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). In seinem Vortrag "Die Erfindung der Kreativität" beleuchtet er die Rolle der Kreativität in unserer Gesellschaft. Er zeigt, wie sie sich historisch verändert hat, welche Bedeutung Kreativität heute hat und was das für uns bedeutet. Sein Vortrag wurde im Rahmen der Reihe Auf der Höhe - Diagnosen zur Zeit der Heinrich-Böll-Stiftung am 3. November 2015 aufgezeichnet.

"Wenn es einen Wunsch gibt, der innerhalb der Gegenwartskultur die Grenzen des Verstehbaren sprengt, dann wäre es der, nicht kreativ sein zu wollen.“
Andreas Reckwitz, Kultursoziologe



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