Eurokrise, Brexit, Flüchtlingsdiskussionen. Wenn euch das ganze EU-Drama nervt, dann könnt ihr die Ohren zuklappen und einfach aufhören, euch für Europa zu interessieren. Dumm nur, dass ihr hier lebt! Alternativ könnt ihr euch was ausdenken: Was müsste, was könnte anders laufen? Zum Beispiel könnte Europa eine Republik werden.

Ulrike Guérot war enttäuscht. Die EU, dieses ganze Projekt Europa, an das die Politikwissenschaftlerin irgendwann mal geglaubt hatte, war ihrer Ansicht nach endgültig gescheitert.

"Die entscheidende Stellschraube, nämlich das was Europa sein sollte, die Überwindung der Nationalstaaten, wurde nicht gemacht."
Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin

Viel schlimmer noch, so Guérot: 2012 sei das Ziel aufgegeben worden, das wir da noch jemals hin wollten. Die Folge: Desintegration und Rückenwind für Populisten. Statt sich aber von Europa abzuwenden, wie viele andere, hat sie die Energie ihrer Wut genutzt und eine Idee entwickelt, wie ein besseres Europa wohl aussehen könnte. Denn vor Europa, so meint sie, können wir schließlich nicht weglaufen, und: "Die Utopie ist Europa, die Dystopie ist die EU so wie sie ist."

"Wenn Bürger sich auf ein politisches Projekt einigen, dann gründen sie eine Republik und keinen Nationalstaat."
Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin

Vor allem müssten wir von dem nationalstaatlichen Denken Abschied nehmen, wenn wir eine funktionierende Gemeinschaft entstehen lassen wollen, denn souverän sei der Bürger, nicht der Nationalstaat. Außerdem benötige die institutionelle Struktur dringend ein Relaunch. Und Europa müsse mehr als ein gemeinsamer Markt sein. Ulrike Guérots Vorschlag: Eine Republik Europa. Das klingt utopisch. Aber genauso utopisch klang es, als Winston Churchill 1946 ein vereinigtes Europa vorschlug. Aus der Utopie wurde bekanntermaßen aber in wenigen Jahren Realität.

"Das Problem heute kann sein, dass Europa längst weg ist, während wir noch darüber diskutieren, ob oder dass es weg ist."
Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin

Ulrike Guérot ist Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems sowie Gründerin und Direktorin des "European Democracy Lab“ an das an der European School of Governance in Berlin. Ihren Vortrag "Europa als Republik? Mehr als eine Utopie" hat sie am 08.10.2016 im Rahmen der interdisziplinären Tagung "Utopisch Dystopisch. Visionen einer 'idealen' Gesellschaft“ der Stiftung Universität Hildesheim gehalten.

Mehr zum Thema: