Fliegen ganz ohne Motorbetrieb, nur mit der Kraft der eigenen Muskeln? Holger Rochelt ist genau das gelungen. In einem Ultraleicht-Flieger, gebaut von seinem Vater. Dazu brauchte der damals 17-Jährige vor allem eins: stramme Waden.

Schuld an dieser außergewöhnlichen Geschichte ist eigentlich ein Engländer. Henry Kremer war ein etwas kauziger, britischer Industrieller mit scheinbar üppigem Budget. Im Jahr 1959 hat er deshalb einen Preis ausgelobt: 50.000 britische Pfund für denjenigen, der als erstes ein Flugzeug nur mit Muskelkraft fliegt.

Es soll 18 Jahre dauern bis endlich ein Amerikaner diesen Preis gewinnt: Dr. Paul MacCready konstruierte die Gossamer Condor mit der der Pilot Bryan Allen den ersten muskelbetriebenen Flug vollführt: eine liegende Acht zwischen zwei Markierungen, die mindestens 800 Meter voneinander entfernt sind. Höhe bei Start und Ziel: drei Meter über dem Boden.

Wo sind die Europäer?

Selbstverständlich hat Henry Kremer als fairer britischer Gentleman das Preisgeld ausgezahlt. Eins allerdings fuchst ihn gewaltig: dass es Amerikaner waren und nicht Europäer, denen dieser Kunstgriff zuerst gelang. Er lobte erneut einen Preis aus - für den ersten Europäer, der die liegende Acht fliegt. An dieser Stelle kommt Günther Rochelt ins Spiel. Der Tüftler hatte sich bereits mit Solarflugzeugen beschäftigt. Als er vom Kremerpreis erfährt, ist sein Ehrgeiz geweckt. Er besucht Bryan Allen, den Piloten und Gewinner der ersten beiden Kremerpreise, um sich zu informieren. Das ist Ende der 70er Jahre.

Günther Rochelt tüftelt und bastelt - bis er schließlich sein Ergebnis testen kann: die Musculair I. Pilot ist sein damals knapp 17 Jahre alter Sohn Holger. Der war mit knapp 56 Kilo leichter als sein Vater und hatte bereits fliegerische Erfahrung. Denn regelmäßig schwang sich der "bayerische Ikarus" im Drachen von den Bergen Bayerns.

Der erste Test im Nebel

An den allerersten Testflug erinnert sich Holger Rochelt noch sehr genau. Fünf Wochen lang mussten sein Vater und er auf passende Wetterverhältnisse warten. Dann endlich war es soweit. Allerdings war es so nebelig, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Noch ohne Käfig ums Fahrgestell ging es auf die Startbahn. Holgers Vater daneben - auf dem Drahtesel.

"Dieses Flugzeug war niemals dazu konstruiert, dass man wirklich in die Höhe kommt."
Holger Rochelt erklärt die Konstruktion seines Ultraleichtfliegers

Beide strampeln, was das Zeug hält und endlich löst sich die Musculair I vom Boden - ungefähr einen halben Meter. Ein kleiner Hopser nur, aber Holger schreit vor Freude. Und sein Vater? Ist nur wenige Meter daneben und sieht - nichts. Einfach weil der Nebel so dicht ist. Trotzdem ist damit klar: die Konstruktion kann abheben! Sie haben eine Chance, den Kremerpreis zu gewinnen. Und sie werden es schaffen: am 19. Juni 1984 fliegt Holger Rochelt als erster Europäer die liegende Acht zwischen zwei Markierungen. Und das wird nicht der einzige Rekord sein, den Vater und Sohn einheimsen - und auch nicht der einzige Kremerpreis.

"Wir haben das Preisgeld cash abgeholt. Und dann hat es natürlich nicht in die Hosentaschen gepasst. […] Wir sind dann mit Plastiktüten rausmarschiert. Das sah aus, als wenn wir die Bank ausgeraubt hätten."
Holger Rochelt erinnert sich noch gut an die Übergabe des Preisgelds