Kann die Arbeit im Homeoffice erledigt werden, sind Unternehmen dazu
verpflichtet, Mitarbeitenden das auch anzubieten. Einige Chefs übergehen
die Homeoffice-Verordnung aber. Das kann zu Stress im Büro führen – wie
bei Paul. Er möchte von zu Hause arbeiten, sein Chef möchte das nicht.
Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Lara Lorenz hat mit Paul gesprochen.

Seit gut einem halben Jahr streitet sich Paul mit seinem Chef um das Homeoffice. Paul hat einen Bürojob in der Softwarebranche. Weil er unerkannt bleiben möchte, haben wir seinen Namen und seine Stimme verändert.

Momentan kommt er zum Arbeiten ein- bis zweimal in der Woche ins Büro – darauf besteht sein Arbeitgeber. Ginge es nach Paul, würde er jeden Tag von zu Hause aus arbeiten. Er findet es unnötig riskant, sich im Büro womöglich mit dem neuartigen Coronavirus anzustecken. Für ihn bedeutet das, ein ungutes Gefühl mit sich herum zu tragen – und Stress, auch in seiner Freizeit.

Nachdem sein Arbeitgeber das komplette Team im März erst ins Homeoffice geschickt hatte, holte er im Sommer immer mehr von ihnen ins Büro zurück, erzählt Paul. Mittlerweile arbeiten fast alle der mehr als zehn Teammitglieder wieder dort.

"Wir halten uns nicht an die jetzigen Regelungen, und wenn was Neues bestimmt wird, halten wir uns auch nicht daran. Die einzige Möglichkeit wären stärkere Kontrollen und höhere Strafen."
Paul (Name geändert) ist unzufrieden über seine aktuelle Arbeitssituation

Seit Ende Januar 2021 soll die Homeoffice-Verordnung der Bundesregierung Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie Paul schützen. Die besagt, dass Unternehmen ihren Angestellten – wenn möglich – das Arbeiten im Homeoffice anbieten müssen.

Betriebsbedingte Gründe als Ausnahme

Zudem sollen die Bundesländer kontrollieren, ob Unternehmen die Vorschrift einhalten. In Berlin zum Beispiel ist das Aufgabe des Landesamts für Arbeitsschutz (LAGetSi). Seitdem die Homeoffice-Pflicht greift, überprüfen sie etwa 80 Firmen in der Woche, erklärt Harald Henzel, Pressesprecher der Behörde. Mehr als Stichproben seien aber nicht möglich.

Zumal die Homeoffice-Verordnung Ausnahmen macht. Unternehmen können ihre Mitarbeitenden etwa im Büro arbeiten lassen, wenn es dafür "zwingende betriebsbedingte Gründe" gibt. Ist zum Beispiel eine Angestellte zusätzlich für die Erste Hilfe im Büro zuständig, ist es in Ordnung, wenn sie weiter im Büro arbeiten soll. Es kommt also auf den Einzelfall an, den die Arbeitsschutzbehörde prüfen muss.

"Das ist natürlich etwas anderes, als nachzuschauen, ob eine Tüv-Plakette an einer Maschine ist. Das ist mitunter im Einzelfall tricky."
Harald Henzel, Pressesprecher des Landesamt für Arbeitsschutz Berlin, über die Kontrollen der Homeoffice-Verordnung

Bei Paul hat es viele Diskussionen mit seinem Chef gebraucht, bis er wenigstens einen Teil seiner Arbeitswoche von zu Hause aus erledigen durfte. Durch die neue Verordnung haben er und seine Kolleginnen die Möglichkeit, sich bei der zuständigen Behörde zu beschweren. Das Team ist allerdings klein, sagt Paul, und die Angst seiner Kollegen zu groß, ihr Chef könnte herausfinden, wer sich beschwert hat. Denn: Manche von ihnen würden erst seit kurzer Zeit in der Firma arbeiten oder ihr Aufenthalt in Deutschland sei von ihrem Job abhängig.

Mitarbeitende unter Druck

Laut Verordnung darf Mitarbeitenden, die im Homeoffice arbeiten, zwar kein Nachteil entstehen. Harald Henzel von der Berliner Arbeitsschutzbehörde weiß aber auch, dass es Mitarbeitende belasten kann, die Homeoffice-Pflicht gegen den Willen des Arbeitgebers durchzusetzen.

Paul jedenfalls hat das Vertrauen in seinen Chef durch den Streit ums Homeoffice verloren. Er überlegt, in Zukunft zu kündigen – obwohl ihm seine Arbeit eigentlich immer Spaß gemacht hat. Und obwohl er sich ansonsten mit dem Chef und seinem Team sehr gut versteht.

"Diese ethische Diskussion ist schwierig, und es belastet Freundschaften und das Arbeitsleben, wenn man die Konsequenzen von seinem Handeln so anders einschätzt."
Paul (Name geändert) ist unzufrieden über seine aktuelle Arbeitssituation