Ein Polizei-Kommandeur der Hongkong Riot Police hat sich zu einem Interview mit ARD-Journalisten bereit erklärt. Anonym. Mit verzerrter Stimme. Denn er darf nicht erkannt werden. Er möchte die Position der Polizisten öffentlich machen, die in Hongkong seit Monaten gegen die Demonstrierenden gestellt werden.

Hongkong: Polizisten prügeln auf Demonstrierende ein, versprühen Tränengas, verhaften etliche Aktivistinnen und Aktivisten. Bilder, die durch soziale Netzwerke und über sämtliche Nachrichtenkanäle laufen. Während die Demonstrierenden fleißig senden und dokumentieren, gibt es von Seiten der Polizei nur eine Haltung: Die, der chinesischen Regierung.

Unser Korrespondent Steffen Wurzel hat jetzt ein Interview mit einem Kommandeur der Riot Police von Hongkong führen können. Darin macht "John", so sein Deckname, auf die Lage der Polizisten in diesem Machtkampf zwischen Regierung und Aktivisten aufmerksam. Denn die sitzen als ausführender Arm der Regierung zwischen den Stühlen. Die Riot Police kann zwar die Proteste niederschlagen, das Problem politisch lösen, kann sie aber nicht.

"Die Regierung nimmt zu wenig Rücksicht auf uns. Wir Polizisten wurden in diese Rolle hineingedrängt. Lösen können wir die Situation aber nicht."
"John", Kommandeur der Riot Police in Hongkong

Seit Juni 2019 gibt es in Hongkong regelmäßig Demonstrationen gegen die zunehmende Einflussnahme der chinesischen Regierung, also seit etwas mehr als einem halben Jahr. Viele der Demonstrationen verlaufen friedlich. Häufig versammeln sich die Demonstrierenden als Flashmobs zum Beispiel in Shoppingmalls. Aber es kommt auch immer wieder zu Ausschreitungen, und dann ist es Aufgabe der Polizei, wieder für Ordnung zu sorgen.

Zu solchen Auseinandersetzungen komme es allerdings auch, wenn der Protest eigentlich friedlich ist, erklärt Steffen Wurzel. Denn wenn 20 oder 30 Menschen irgendwo zusammenstehen und Transparente hoch halten, wird das sofort als illegale Versammlung gewertet und die wird häufig aufgelöst.

Keine Frage der eigenen, politischen Überzeugung

Auf welcher Seite die Polizistinnen und Polizisten in Hongkong persönlich stehen, darf in der Ausübung ihres Berufs keine Rolle spielen. Die Polizei ist als Exekutive einer Regierung dafür zuständig, die jeweils geltenden Gesetze anzuwenden. Und das tun sie auch in Hongkong, sagt Steffen Wurzel.

"Es ist in jedem Land so, dass die Polizistinnen und Polizisten erstmal gehorchen müssen."
Steffen Wurzel, Korrespondent im ARD-Studio Shanghai

Trotz allem ist es aber auch so, dass viele Polizistinnen und Polizisten denkende Menschen sind. Gerade in Hongkong gibt es eine sehr aktive Zivilgesellschaft und eine sehr politische Gesellschaft. So drückt auch der Kommandeur der Riot Police in Hongkong, "John", deutliche seine Sympathien für die Demonstrierenden aus. In seiner Familie führt das zu Konflikten. Seine Schwester, so erzählt er im Interview, gehe ihn hart an, weil sie ihn auf Seiten der Regierung wähnt. Sie wirft ihm vor, Demonstrierende zu verprügeln. Das, sagt "John", habe er selber aber noch nie gemacht. Er versuche weiterhin, professionell zu sein.

Externer Inhalt

Hier geht es zu einem externen Inhalt eines Anbieters wie Twitter, Facebook, Instagram o.ä. Wenn Ihr diesen Inhalt ladet, werden personenbezogene Daten an diese Plattform und eventuell weitere Dritte übertragen. Mehr Informationen findet Ihr in unseren  Datenschutzbestimmungen.

Dass "John" die Seiten wechselt, schließt er aus. Er sei gerne und sehr bewusst Polizist geworden, sagt er im Interview mit Steffen Wurzel. Aber er möchte versuchen, bei der Öffentlichkeit das Bewusstsein zu wecken, dass die Polizei nicht unbedingt auf Seiten der Regierung steht. Er mahnt aber auch an, dass einige seiner Kolleginnen und Kollegen, bei der Durchsetzung von Gesetzen, Grenzen überschreiten. Deshalb fordert "John" ebenso wie die Demonstrierenden, dass die Polizeigewalt unabhängig untersucht wird. Eine Forderung, die von der chinesischen Regierung bislang abgelehnt wird.

Auch 2020 werden die Proteste weitergehen, sagt Korrespondent Steffen Wurzel. Denn das Grundproblem sei nicht nur, dass ein Land zwei Systeme habe, sondern eben auch zwei Gesellschaften. Zudem stehen im September 2020 Parlamentswahlen an. Die sind zwar nicht komplett frei, trotzdem wird es Wahlkämpfe geben und Mobilisierungsaktionen. Deshalb ist zu erwarten, dass es spätestens Mitte 2020 wieder hoch hergehen wird in Hongkong, so Korrespondent Steffen Wurzel.