Beißattacken von Hunden kommen immer wieder vor. Deshalb ist in Niedersachsen der Hundeführerschein Pflicht. Kritiker bezweifeln, dass dadurch die Attacken weniger werden.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Suzan Bazarkaya ist selbst Hundehalterin und hat für ihren Hund eine Art Hundeführerschein, den Sachkundenachweis, wie er in Nordrhein-Westfalen für Hunde ab einer bestimmten Größe oder Rasse verlangt wird. In Niedersachsen ist der Hundeführerschein generell vorgeschrieben.

Hundeführerschein ist wenig nachhaltig

Allerdings hält Suzan nicht allzu viel von dem Hundeführerschein. Denn im Multiplechoice-Verfahren muss der Halter Fragen beantworten. Die Antworten hat sie sich im Netz besorgt und reingezogen. Die praktische Prüfung musste sie ein Jahr später ablegen - genau in der Zeit hat ihr Hund die "Pubertät" durchgemacht und war wenig folgsam. Alternativ hätte sie die Prüfung auch mit einem anderen, enspannteren Hund ablegen können.

Natascha Manski vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium erklärt, dass es nur darum ginge, dass der Halter eine gefährliche Situation einschätzen könne.

"Wir möchten, dass die Hundehalter in Niedersachsen befähigt sind, gefährliche Situationen einzuschätzen und dass sie auch befähigt sind, einschätzen zu können, wie das Tier reagiert. Das ist ja nicht primär daran geknüpft, was für ein Hund das ist."
Natascha Manski vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium

Für die Hundehalter kommen rund 100 Euro Kosten zusammen, sagt Suzan. Die theoretische und praktische Prüfung kosten jeweils 40 Euro. Dazu komme noch Training in einer Hundeschule für die Vorbereitung.

Hundeführerscheine verhindern keine Beißattacken

Ob durch den Hundeführerschein weniger Beißattacken vorkommen, lässt sich statistisch nicht belegen. Zwar werden seit der Einführung des Hundeführerscheins in Niedersachsen 2013 bis heute 20 Prozent weniger Beißattacken registriert. Aber es werden nicht alle Beißattacken gemeldet. Somit lässt sich nicht sagen, ob es tatsächlich einen Rückgang gibt, sagt auch Natascha Manski.

"Das hängt damit zusammen, dass nicht jeder Beißvorfall gemeldet wird, dafür gibt es auch keine rechtliche Verpflichtung. Wir haben keine statistische Auswertung darüber, ob die Zahl der Beißvorfälle zurückgegangen ist."
Natascha Manski vom niedersächsischen Landwirtschaftsministerium

Hundebesitzer vermeiden die Meldung von Beißattacken, weil sie fürchten, dass ihnen dann der Hund weggenommen werden könnte oder weil sie dann mit höheren Auflagen für die Haltung rechnen müssten.

Hunde von Stadtleben überfordert

Hundetrainerin Vanessa Bokr kümmert sich um Hunde, die von ihren Haltern wegen Beißattacken abgegeben wurden. Sie glaubt nicht, dass ein Hundeführerschein das Problem lösen könne. Denn aus ihrer Sicht, liegt die Ursache woanders: Hunde sind oft vom Stadtleben überfordert und leiden unter mangelnder Auslastung. Beispiel: Jagdhunde in der Stadt. In Hamburg gebe es derzeit einen Trend zu Weimaranern, hochspezialisierte Jäger, die sich in den Stadtparks nur langweilen.

"In Hamburg ist der Trend gerade der Weimaraner, das ist ein hoch spezialisierter Jäger, der halt in der Innenstadt im Stadtpark herumläuft und da völlig arbeitslos vor sich hinvegetiert."
Vanessa Bokr, Hundetrainerin

Manche Menschen seien sich nicht bewusst darüber, welche Verantwortung und Aufgabe sie mit einer bestimmten Hunderasse übernehmen. Sie gehen nur nach Aussehen oder Spaß. Deshalb glaubt Vanessa Bokr, dass von offizieller Seite hier mit Aufklärung bereits angesetzt werden müsste.

Riesenhund mit Frauchen
Eine deutsche Dogge zählt zu den riesigen Hunderassen, kann eine Schulterhöhe von 80 cm erreichen und bis zu 90 Kilo schwer werden.