Viele Flüsse haben extrem wenig Wasser und geben jahrhundertealte "Hungersteine" frei: Menschen haben sie zu früheren Zeiten angelegt, um vor Hungersnöten zu warnen. Man sieht sie jetzt am Rhein, in der Weser - aber hauptsächlich in der Elbe, sagt Geologe Jan-Michael Lange.

In der Elbe gibt es die sogenannten "Hungersteine" schon sehr lange: Die älteste belegte Wasserstandsmarke dort stammt aus dem Jahr 1616. Es könnte aber auch noch ältere Steine geben – Hinweisen zufolge von etwa 1115, sagt Geologe Jan-Michael Lange vom Institut Senkenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden.

Ein Hungerstein in der Elbe
© Jan-Michael Lange, Senkenberg Naturhistorische Sammlung Dresden
Der größte deutsche Hungerstein liegt an der Elbe bei Pirna-Oberposta.

Man erkennt die Steine oder Felsen an ihren typischen Inschriften: Jahreszahlen und Wassermarken sind darin eingemeißelt. Bei manchen "Hungersteinen" wurde die Niedrigwasser-Marke immer wieder korrigiert, so Jan-Michael Lange, was darauf schließen lässt, dass das Wasser zu einem späteren Zeitpunkt noch weiter gesunken ist.

"'Hungersteine' zeigen Wasserstände aus früheren Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten an."
Jan-Michael Lange, Senkenberg Naturhistorische Sammlung Dresden

Solche Niedrigwasser-Ereignisse, sagt Jan-Michael-Lange, gingen immer einher mit Dürre – und somit mit Ernteausfällen und Hunger. "Wenn es wenig regnet, wird auch die Ernte dementsprechend schlecht ausfallen." Der Name der "Hungersteine" kommt also nicht von ungefähr.

"Hungersteine": Eine Warnung von Anwohner*innen

Die Marken auf den "Hungersteinen" haben in der Regel die Anwohner*innen eingemeißelt – oder auch Schiffer oder Fischer, erklärt Jan-Michael Lange. "Die Marken an den 'Hungersteinen' wurden von denen gemacht, die am Fluss und mit dem Fluss lebten."

In der Gegend um Pirna, wo es besonders viele solcher Steine gibt, könnten es aber auch Steinmetze gewesen sein, vermutet der Geologe. In der Region gibt es jahrhundertealte Steinbrüche. Die Steinmetze kannten sich aus mit der Stein-Bearbeitung – und hatten bei Niedrigwasser ein Problem. Denn ihre Ware, die Steine, transportierten sie mit Booten auf dem Fluss.

"Hungersteine" mit Sprüchen wie: "Wenn Du mich siehst, dann weine!“ seien eher eine Seltenheit und Dokumente neuerer Zeit. Jan-Michael Lange kennt einen anderen Spruch auf einem Stein, der etwas positiver klingt: "Geht dieser Stein unter, wird das Leben wieder bunter“.

"Heute sehen wir im Zuge des Klimawandels ganz anders auf diese Sprüche."
Jan-Michael Lange, Senkenberg Naturhistorische Sammlung Dresden

Aus heutiger Sicht seien die die "Hungersteine" immer noch
interessante Objekte – auch wenn wir in Zeiten des Klimawandels vielleicht anders auf sie blicken. Wir müssten zwar nicht sofort hungern, wenn sie
zutage treten, sagt Jan-Michael Lange – aber sie warnen uns doch immer noch vor Extremwetter-Ereignissen.