Dass Hysterie früher typischerweise bei Frauen diagnostiziert wurde, ist bekannt. Aber auch Männern wurden typische Krankheitsbilder zugesprochen – "Großmannssucht" oder "Querulantenwahn" zum Beispiel. Die Wissenschaftshistorikerin Karen Nolten erklärt, inwiefern typische Frauen- und Männerkrankheiten der Stigmatisierung galten.

Frauen wurden im 19. Jahrhundert gerne mal als hysterisch abgestempelt. Das Wort Hysterie stammt vom griechischen Wort für Gebärmutter. Die Menschen vermuteten damals, dass die Gebärmutter von vielen Nerven durchsetzt ist und dass Frauen deshalb sehr anfällig für Nervenkrankheiten sind.

Schon in der Antike gab es die Diagnose Hysterie. Damals hieß es noch, die Gebärmutter wandere im Körper der Frau umher, wenn sie nicht schwanger wurde oder ein unbefriedigendes Sexleben hatte.

Viele Frauen wegen Hysterie in Kliniken

Im 19. Jahrhundert fanden sich "hysterische" Frauen dann schnell in Kliniken wieder – oft vermutlich, weil sie einfach unbequem waren. Wissenschaftshistoriker Karen Nolte nennt als Beispiel eine Akte, die sie einmal erforscht hat: Darin geht es um eine Frau, die mit einem Arzt verheiratet war. Sie habe ihn wohl schlecht gemacht und landete sechs Wochen später wegen Hysterie in einer Klinik. Immerhin: Sechs Wochen hatte es gedauert – ganz so einfach war es damals wohl auch nicht, Frauen abzuschieben. Aber die Diagnose war unter den Männern wohl zumeist unstrittig.

Hysterie zu diagnostizieren, war laut Karen Nolte auch eine Methode, Frauen von Bildung fernzuhalten. Schon damals gab es eine bürgerliche Frauenbewegung, die dafür kämpfte, dass Frauen Zugang zu Universitäten bekommen. Das wurde von den männlichen Ärzten aber unterbunden, indem sie sagten, dass Frauen mindestens einmal im Leben hysterisch und nur in Abschnitten ihres Lebens psychisch gesund seien, weshalb sie nicht studieren könnten, so Karen Nolte.

"Mit Hysterie wurde systematisch Frauen der Zugang zu Bildung und zu Positionen in der Öffentlichkeit verwehrt."
Karen Nolte, Wissenschaftshistorikerin

Die Diagnose Hysterie war also Teil des Geschlechtersystems. Eine analog unterdrückerische Diagnose für unbequeme Männer gab es zwar nicht. Dennoch wurden damals auch aus heutiger Sicht abenteuerlich klingende Männerkrankheiten diagnostiziert. Allerdings mit anderem Zweck.

Männerkrankheiten dienten zur Wahrung der Hierarchie

Beispielsweise gab es die "Großmannssucht". Diese Diagnose hatte ebenfalls im 19. Jahrhundert Konjunktur. Sie wurde Männern zugeschrieben, die wirtschaftlich und sozial über ihre Verhältnisse lebten.

Bei der Diagnose Großmannssucht ging es vor allem darum, die sozialen Hierarchien aufrecht zu erhalten, so Karen Nolte.

"Großmannssucht wurde bei Männern der unteren Schichten diagnostiziert, die so getan haben, als hätten sie viel Geld oder als wären sie gebildet."
Karen Nolte, Wissenschaftshistorikerin

Eine andere Diagnose aus dem 19. Jahrhundert – speziell für Männer – war der "Querulantenwahn". Hierunter fielen Menschen, die häufig und hartnäckig ihr Recht suchten und andere Mitbürger mit Klagen überzogen.

Karen Nolte räumt ein, dass es damals zum ersten Mal möglich war, gegen Mitbürger zu Klagen. Vor allem Volksschullehrer, also Menschen des Bildungsbürgertums, hätten diese Chance genutzt. Querulantenwahn wurde allerdings auch diagnostiziert, wenn sich Menschen, die zwangsweise in eine Klinik eingewiesen wurden, zur Wehr setzten.

"Querulantenwahn wurde auch genutzt, um Menschen, die in die Psychiatrie eingewiesen wurden und sich dagegen wehrten, zu psychopathologisieren."
Karen Nolte, Wissenschaftshistorikerin

Insgesamt ging es bei den Männerkrankheiten eher darum, die hierarchische Struktur und das soziale System aufrecht zu erhalten, analysiert Karen Nolte. Das unterscheide sich von den typischen Frauenkrankheiten wie Hysterie, die unter anderem zur Unterdrückung der Frau eingesetzt wurden.

Dennoch gab es schon damals Kritiker und Kritikerinnen, die sogenannte psychiatriekritische Bewegung. Dort hielt man die Diagnosen für überzogen und pochte darauf, dass im psychiatrischen Kontext zumindest zwischen Eigensinn und Irrsinn unterschieden werden müsste.

Shownotes
Frauen- und Männerkrankheiten im 19. Jahrhundert
"Hysterie" und "Großmannssucht" - Krankheiten als Stigmatisierungsmittel
vom 11. Juli 2020
Moderatorin: 
Jenni Gärtner
Geprächspartnerin: 
Karen Nolte, Wissenschaftshistorikerin