Den Ausweis in die Webcam halten und ein Konto eröffnen: Dank Video-Ident-Verfahren entfällt der Gang zur Post oder Bank. Das Unternehmen ID Now erweitert jetzt seine Kapazitäten – indem es ein Tochterunternehmen des insolventen Wirecard-Konzerns übernimmt.

Nach der Insolvenz für Wirecard standen auch die Jobs von 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Konzerntochter "Wirecard Communication Services" vor dem Aus. Die Firma erledigte für Wirecard vor allem Call-Center-Dienste und führte Online-Legitimationen durch, zum Beispiel Identifikationen via Webcam. Dabei halten Kundinnen und Kunden ihren Personalausweis in die Kamera.

Unterscheiden lässt sich die analoge Variante des Video-Ident-Verfahrens vom Post-Ident-Verfahren. Beim Post-Ident-Verfahren überprüft ein Mitarbeiter in einer Filiale der Deutschen Post anhand des Personalausweises, ob die angegeben Daten wirklich stimmen. Wer sich den Gang zur Post sparen will, kann - sofern angeboten - die Online-Identifikation nutzen. Hierbei wird der Personalausweis via Webcam oder Kamera eines Smartphones oder Tablets von Mitarbeitern überprüft – zum Beispiel von solchen, die bei ID Now arbeiten.

Video-Ident-Verfahren werden nachgesagt, dass sie in Zukunft die Standardverfahren sein werden, einfach weil sie bequemer und schneller sind. Während der Corona-Pandemie kam wegen des Infektionsschutzes ein weiterer Grund für die Kundinnen und Kunden hinzu, zuhause zu bleiben und nicht persönlich bei der Post oder in einer Bank zu erscheinen.

″Mit Corona ist eine zusätzliche Motivation dazugekommen, so eine Identifikation von zuhause aus machen zu wollen. Das Geschäft von ID Now brummt zurzeit, und da war es die wirtschaftlichste Variante, das insolvente Unternehmen samt Mitarbeitern zu übernehmen.″
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Auch wegen des gestiegenen Bedarfs hat das Müncher Unternehmen ID Now, das ebenfalls solche Identifikations-Dienste anbietet, das Unternehmen Wirecard Communication Services jetzt gekauft. ID Now will einen Großteil der 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen.

″Die Übernahme scheint sowohl aus Unternehmens- als auch aus Kundensicht Sinn zu ergeben″, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat. Zum einen konnte sich ID Now auf einen Schlag mehr Kapazitäten ins Unternehmen holen, zum anderen können die meisten ehemaligen Wirecard-Mitarbeiter ihre Jobs behalten.

Hinzu kommt: Kommentare auf dem Bewertungsportal Trustpilot geben Hinweise darauf, dass es bei den Online-Identifikationsdienstleistern nicht immer rund läuft. Berichtet wird von stundenlangen Wartezeiten, unhöflichen Mitarbeitern und technischen Schwierigkeiten. Womöglich kann eine Aufstockung der Kapazitäten den Kundenservice verbessern.

"Es spricht durchaus viel dafür, bei diesen Online-ID-Verfahren auf deutsche Anbieter und geschultes Personal zu setzen."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Unternehmen, die Video-Ident-Verfahren anbieten, stehen in Konkurrenz zueinander. ID Now ist nicht das einzige Unternehmen, das eine solche Dienstleistung anbietet. Konkurrenten sind etwa das Unternehmen "WebID" aus Berlin, die Deutsche Post, sowie Anbieter, die ihren Sitz im Ausland haben.

Unwissentlich ein Bank-Konto eröffnet

Zwar gelten Video-Ident-Verfahren generell als sicher, allerdings gibt es auch bei dieser Technik Betrugsmöglichkeiten. Zum Beispiel:

Eine Person wird angeworben, gegen Bezahlung ein bestimmtes Produkt zu testen. Dafür müsse sie sich online legitimieren. Die Daten, die für diese Legitimierung nötig sind, haben aber schon die Betrüger hinterlassen – in diesem Fall haben sie das Video-Ident-Verfaren so konfiguriert, dass die betrogene Person, ohne es zu merken, ein Bankkonto eröffnet. Sie klickt lediglich auf einen Link und geht davon aus, dass es sich um einen Produkttest handelt.

Das Problem: In manchen Fällen stellen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Unternehmen, die das Video-Ident-Verfahren anbieten, keine Rückfragen (″Sie wollen also ein Konto eröffnen?″), sondern überprüfen lediglich die persönlichen Daten. Dass also in Wirklichkeit ein Video-Ident-Verfahren für die Eröffnung eines Bankkontos durchgeführt wird, bekommt die betrogene Person gar nicht mit.

Im schlimmsten Fall werden mit dem Bankkonto zum Beispiel Produkte gekauft, die nie bezahlt werden. Oder es werden Produkte verkauft, die es gar nicht gibt. Und das Geld von den Käuferinnen und Käufern landet auf dem Bankkonto, auf das die Betrüger Zugriff haben, das aber auf einen anderen Namen läuft.