Für Hannah Winkler ist relativ früh klar, dass sie nicht Dennis ist - auch wenn ihr Körper eindeutig männliche Merkmale aufweist. Schon mit drei Jahren merkt sie: ich bin anders.

Es ist ein Junge! Als Hannah 1989 auf die Welt kommt scheint der Fall klar: Der Säugling weist männliche Geschlechtsmerkmale auf und wird auf den Namen Dennis getauft. Das Kind wird gekleidet wie ein Junge, trägt die Haare wie ein Junge und wird von seinem Umfeld als Junge behandelt. Warum auch nicht, denn schließlich deutet zunächst nichts darauf hin, dass Dennis sich anders fühlt: nämlich eher wie ein kleines Mädchen.

"Wenn ich mich selber gesehen hab oder wenn man mich mit Dennis angesprochen hat, hab ich mich immer sehr, sehr unwohl gefühlt."
Hannah Winkler über ihre frühe Kindheit

Anders, nicht krank

Schon im Kindergarten hat Dennis eine beste Freundin und meidet den Kontakt zu anderen Jungs. Ein Unterschied, klar, aber wer will daraus schon schließen, dass in einem männlichen Körper vielleicht ein weibliches Wesen steckt? Nur die Mutter merkt früh, dass die Interessen ihres Kindes eben nicht die eines kleinen Jungen sind. Sie akzeptiert die Andersartigkeit. Als Dennis sechs Jahre alt ist, schenkt die Mutter ihrem Kind ein Kleid - für Dennis geht ein Traum in Erfüllung.

"Es stand immer im Raum, dass ich ja eigentlich wie ein Mädchen bin."
...und trotzdem durfte Dennis alias Hannah lange kein Mädchen sein

Bloß nicht pubertieren!

Doch die Mutter stirbt und Dennis Umfeld reagiert verständnislos auf den Jungen, der so viel lieber ein Mädchen wäre. "Transe" oder "Fummeltrine" sind noch die harmlosen Beleidigungen, die sich Dennis von den Mitschülern anhören muss. Auch Lehrer reagieren herablassend und nicht mal der Vater fühlt sich der Situation gewachsen. Dennis landet beim Jugendamt und erfährt erstmals Hilfe.

"Ich bin erst relativ offen damit umgegangen, weil ich nicht wusste, dass die Gesellschaft wirklich so diskriminierend darauf reagiert. Aber es hat sich dann doch schnell entwickelt, dass ich zum Mobbingopfer wurde und mich viele als Schwuchtel und als Missgeburt abgestempelt haben."
Hannah Winkler über ihre Schulzeit

Das wichtigste ist jetzt: bloß nicht in die Pubertät kommen! Denn inzwischen weiß Dennis alias Hannah ziemlich genau, was los ist. Das Phänomen wird als Harry-Benjamin-Syndrom bezeichnet. Hannah ist nicht krank oder psychisch gestört - sie ist ein Mädchen gefangen im Körper eines Jungen. Damit sie als Frau leben kann, gilt es, möglichst früh den Prozess der geschlechtlichen Reifung - also die Pubertät - aufzuhalten. Passiert das nicht, wird es schwer werden, die körperlichen Merkmale rückgängig zu machen, die sich dann bilden: zunehmende Körperbehaarung, markantere Gesichtszüge und eine tiefere Stimme.

Hannah Winkler lächelt in einem Kaffee in die Kamera
Hannah Winkler hat lange dafür kämpfen müssen, ihr weibliches Ich auch leben zu dürfen

Endlich Frau

Hannah erkämpft sich eine Hormonbehandlung, damit die Pubertät verzögert wird, da ist sie 14 Jahre alt. Mit 16 nennt sie sich Hannah, und zwei Jahre später darf sie sich dann endlich operieren lassen und ihr äußeres Geschlecht wird dem inneren angepasst. Heute ist Hannah eine selbstbewusste junge Frau, studiert Schauspiel und hat ein Buch über ihren Wandlungsprozesse geschrieben. Mit Fe-Male möchte sie vor allem anderen Menschen helfen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie selbst.

"Es ist einfach schön, einfach auch äußerlich als normaler Mensch, als Mädchen auch angenommen zu werden und ganz normal über die Straße zu gehen."
Hannah Winkler (25)