Wer zu spät kommt, bestimmt über die Zeit der anderen. Der Student Andre erklärt, was ihn daran besonders ärgert, für Zeitcoach Jonas Geißler bedeuten Verspätungen auch immer eine Machtfrage.

Wer warten muss, ist unfrei und ein bisschen machtloser als die Person, die zu spät kommt. Nur ein paar Minuten Verspätung können deswegen ein großes Ärgernis sein, jedenfalls für diejenigen, die warten müssen und es nicht können.

Andre hat heute schon gewartet. Er ist sehr gerne sehr pünktlich und unterscheidet sorgfältig zwischen unangekündigter und angekündigter Verspätung. Der Student sagt: "Angekündigte Verspätungen sind nicht so schlimm, man kann was anderes machen."

Verspätung als Priorisierungsproblem

Grundsätzlich ist Pünktlichkeit ein wichtiges Kriterium für ihn. In der Theorie hält er Verspätungen eher für ein Ergebnis von Priorisierungsproblemen statt von Erziehung.

"Niemand kommt zu spät zum Vorstellungsgespräch bei einem Job, der wirklich wichtig ist. Bei der Geburt des eigenen Kindes würde auch niemand zu spät kommen."
Andre ist Pünktlichkeit wichtig

In seinem sozialen Umfeld hat er beobachtet, dass mache Menschen sich einfach zu viel vornehmen und im Ergebnis andere dann warten müssen. Nach rund 20 unangekündigten Warteminuten sei für ihn Schluss, sagt Andre.

"Wenn man niemanden erreicht, würde ich mich nach 20 Minuten wieder auf den Heimweg machen."
Andre ist Pünktlichkeit wichtig

"Jemanden warten zu lassen, ist in einer Kultur, in der Wartezeiten eher negativ besetzt sind, eine Machtfrage", sagt Jonas Geißler. Er arbeitet als Zeitcoach in Unternehmen mit Individuen und als Autor.

Pünktlichkeit und Protestantismus

Er ist überzeugt, dass die Verehrung von Pünktlichkeit im westlichen Kulturkreis im Zusammenhang mit der protestantischen Tugendlehre steht und deshalb auch immer noch unseren Alltag bestimmt.

"Protestantische Tugend schaut, dass die Uhrzeitdisziplin ein Teil ist, der Gottesfürchtigkeit mitsymbolisiert."
Jonas Geißler, Zeitcoach und Autor

Zum Protestantismus gehöre aus seiner Sicht deswegen im Extremfall eine gewisse Lustlosigkeit. Dafür seien die Maximen eher: Fleiß, Gehorsam und schaffe, schaffe, Häusle bauen. Dieser Ethik zu folge, erfülle man sein Soll eben zu Lebzeiten, sagt Jonas Geißler.

Handy als Ordnungsinstrument

Außerhalb dieser protestantischen Prägung sei Gelassenheit und Geduld durchaus in einem so großen Maß vorstellbar, dass Warten zu einer Fähigkeit werde. Außerdem beobachtet der Zeitcoach, dass das Handy der Uhr als Orientierungspunkt mächtig Konkurrenz mache. Unpünktlichkeit sei insgesamt wohl heute weniger ärgerlich, wenn sie denn angekündigt wird. Darin ist er sich mit Andre einig.

"Wenn ich warten kann, stört mich das nicht, wenn jemand unpünktlich ist."
Jonas Geißler, Zeitcoach und Autor

Wirklich beseitigen lasse sich die Unpünktlichkeit der Zuspätkommenden mit nur geringem organisatorischen Geschick. Großer emotionaler Druck könne zu einer solchen Verhaltensänderung führen. So werden notorisch unpünktliche Menschen dann dauerhaft pünktlicher, schätzt Jonas Geißler.

"Wir wissen mittlerweile, was zu Veränderungen führt: Wenn ich eine emotionale Wucht verspüre, die Systeme anzupacken und mein Verhalten in Richtung Pünktlichkeit zu ändern."
Jonas Geißler, Zeitcoach und Autor

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