Wir scheinen in Deutschland und der EU den Höhepunkt der Inflation erreicht zu haben oder sind dicht daran, sagen Experten. Im November lag die Inflationsrate noch bei rund 10 Prozent, im kommenden Jahr werden 6 bis 7 Prozent erwartet. Wir sind noch weit weg von den 2 Prozent, die die Europäische Zentralbank anvisiert hat, und es wird wohl noch drei bis vier Jahre lange dauern, bis wird wieder dorthin kommen, schätzt der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven.

Inflation bedeutet vereinfacht gesagt, dass die Preise für Güter steigen und die Kaufkraft in gleichem Maße sinkt, solange die Löhne nicht in gleichem Maße angehoben werden.

Welche Preissteigerungen wir im Alltag zu spüren bekommen

Wichtig dabei sei auch zu schauen, wie die Inflationsrate berechnet werde, sagt der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven. 650 Güterarten mit 300.000 verschiedenen Preisen hat das Statistische Bundesamt beispielsweise im Blick. Viele davon spielen aber für unseren Alltag keine große Rolle, sagt der Wirtschaftsjournalist.

Was wir täglich zu spüren bekommen, sind unsere Energiekosten, die im Vergleich zum Vorjahr um rund 40 Prozent höher sind und auch die Nahrungsmittelpreise sind um durchschnittlich 21 Prozent erhöht.

Preissteigerungen kommen verzögert bei den Konsument*innen an

Außerdem haben die Hersteller und die Landwirtschaft ihre erhöhten Kosten noch gar nicht in Form von Preissteigerungen an die Verbraucher*innen weitergegeben. Das dauere in der Regel bis zu zwei Jahre, sagt Nicolas Lieven.

"Die Anzeichen mehren sich, dass die Inflation ein Stück weit zurückgeht, aber auch eine Inflation von sieben, acht, neun Prozent bedeutet noch längst keine Entspannung, weil wenn ich nicht in dem Verhältnis mehr verdienen, dann knabbert es mir mein Geld weg."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Die Strompreisbremse und der Gaspreisdeckel, die für das kommende Jahr angekündigt wurden, sowie der sinkende Ölpreis werden die Inflation ein Stück weit drücken, sagt Nicolas Lieven.

"Wir haben eine soziale Spaltung: Die einen können, die anderen können nicht, weil die vorsorgen müssen für die hohe Nachzahlung, die noch kommt."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Wie lange es allerdings dauern wird, bis sich die wirtschaftliche Situation tatsächlich entspannt ist und wir irgendwann wieder bei einer gesunden Inflationsrate von 2 Prozent ankommen, die die Europäische Zentralbank EZB anstrebt, ist schwer zu prognostizieren, sagt Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven. Er geht davon aus, dass es drei bis vier Jahre dauern kann – vielleicht sogar noch länger.

Prognosen zur Inflation kaum möglich

Es gibt zu viele Fragen, die offen sind und zu viele Faktoren, die nicht vorhergesagt werden können, von denen die Wirtschaft in Deutschland und Europa abhängt.

Nicolas Lieven benennt einige dieser Fragen: Wie geht es mit der Wirtschaft weiter? Gibt es eine tiefe Rezession oder nicht? Das heißt, nimmt die Produktion so stark ab, dass das Bruttosozialprodukt sinkt und somit ein Minuswachstum entsteht. Gibt es Folgen für den Arbeitsmarkt? Gibt es Insolvenzen? Wie sieht die wirtschaftliche Lage in China oder in den USA aus?

Ein ganz konkretes Beispiel, das der Wirtschaftsjournalist nennt, ist die Frage, ob China aufgrund seiner strikten Politik Häfen wegen auftretender Covid-Fälle Häfen schließen könnte. Dadurch könnten Lieferketten ins Stocken geraten, was wiederum einen Effekt auf die deutsche beziehungsweise europäische Wirtschaftslage haben könnte.

"Die Lieferketten entspannen sich wenigstens zum Teil. Aber auch da müssen wir natürlich schauen: Was macht China? Machen die den Laden vielleicht wieder zu, weil in irgendeinem Hafen Corona-Fälle aufgetreten sind."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Auch die Entwicklung der Reallöhne bietet keinen Grund dafür, von einer Entspannung der allgemeinen Wirtschaftslage auszugehen. Auch wenn die Inflationsrate zurzeit abnimmt. Zur Erläuterung: Der Reallohn wird berechnet, indem die Inflationsrate vom Verdienst abgezogen wird. Unterm Strich sind sie dadurch in diesem Jahr um 6 Prozent gesunken. Ein Wert, "den wir seit fast 15 Jahren nicht mehr gesehen", kommentiert Nicolas Lieven diesen Tiefstand.

"Die Einzelhändler klagen alle, weil sie sagen, die Leute geben unterm Strich weniger Geld aus."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist
  • Moderation:  Ralph Günther
  • Gesprächspartner:  Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist