Ihr habt heute Wasserhähne und Klospülungen benutzt, telefoniert, vielleicht seid ihr mit Bus oder Bahn gefahren und habt vermutlich Lebensmittel verzehrt, die per Zug, Frachter oder LKW transportiert wurden. Und gerade verbraucht ihr Strom und nutzt vielleicht WLAN. Wir alle leben mit und durch Infrastrukturen. Diese Wege und Verbindungen sind die Lebensadern unserer Gesellschaft – und sie sind es wert, gründlicher erforscht zu werden, sagt der Historiker Dirk van Laak.

Der Historiker Dirk van Laak richtet den Blick auf die Verkehrs- und Kommunikationsbahnen, die uns oft erst auffallen, wenn sie nicht funktionieren – wenn gestreikt wird, wenn es Stau gibt, wenn der Zug nicht kommt. Infrastruktur ist unerlässlich für unseren Wohlstand und unsere Lebensqualität, sagt er, und gleichzeitig "ein kollektives Unterbewusstes".

"Von rechten bis linken Parteien sind sich alle in einem Punkt einig: Es muss mehr Infrastruktur geben."
Dirk van Laak, Historiker Universität Leipzig

Wir haben ein Anrecht auf gute Versorgung mit diesen "Lebensadern" - sie zählen zur Daseinsvorsorge. Die Einweihung eines Autobahnabschnittes oder die Inbetriebnahme eines Internetknotens gehören daher zum festen Repertoire unserer gesellschaftlichen und politischen Rituale, erklärt der Historiker.

Unsere Daseinsvorsorge

Dirk Van Laak hat auch eine schöne Definition für das, was er erforschen will, zu bieten:

"Definieren könnte man Infrastruktur als all das Stabile, das nötig ist, um Fließendes zu ermöglichen".
Dirk van Laak, Historiker Universität Leipzig

Das Smartphone erscheint ihm als das aktuelle Symbol dieser wichtigen Verbindungen zu sein – "die Fernbedienung der Netzwerkgesellschaft", nennt er es. Dirk Van Laaks Beobachtung nach ist uns die Infrastruktur derart eingeschrieben, dass aus ihr ein "zirkulativer Imperativ" resultiert. Verkürzt besagt das: Behindere mit deinem Tun nicht das Tun Anderer.

"Handle so, dass die Geschwindigkeit deines Fortkommens niemanden hindert, genauso schnell oder schneller zu sein".
Dirk van Laak, Historiker Universität Leipzig

Wir alle können das an uns selbst überprüfen, wenn demnächst jemand auf der Rolltreppe vor uns bummelt oder anderweitig "den Verkehr" aufhält. In Dirk van Laaks Vortrag erfahren wir, seit wann wir überhaupt von Infrastruktur reden. Und er skizziert, welche Disziplinen sich um die Erforschung dieses dichten Netzwerkes verdient machen können, von der Anthropologie bis zur Wirtschaftswissenschaft.

Dirk van Laak ist Professor für Deutsche und Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts an der Universität Leipzig. 2018 erschien sein Buch "Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft - Geschichte und Zukunft der Infrastruktur" im Fischer Verlag. Seinen Vortrag mit dem Titel "Infrastrukturgeschichte. Potentiale und Grenzen eines neuen Forschungsfeldes" hat er am 8. April 2019 an der Universität Leipzig gehalten.