In Westbrandenburg sorgen Insekten für Streit zwischen Naturschützern und Forstwirten. Raupen eines Nachtfalters – genannt Nonne – haben große Flächen bei Beelitz nahezu kahl gefressen. Deshalb haben die Behörden zu einem starken Insektizid gegriffen. Umweltschützer des Naturschutzbund Deutschland (Nabu) protestierten gegen den Gifteinsatz und zogen vor Gericht - mit Erfolg.

Sogar mit Hubschraubern wurde das Gift über dem Brandenburger Wald versprüht, nun stehen die Helikopter am Boden. Schädlinge so großflächig mit Insektengiften zu bekämpfen, ist auch eher ungewöhnlich, sagt der Biologe und Wissenschaftsjournalist Michael Lange. Dass sich die Nonne, ein schwarz-weißer Nachtfalter, so massenhaft vermehrt, bezeichnet er aber auch als Sonderfall.

Die Raupen des Schmetterlings fressen Kiefern und andere Waldbäume regelrecht kahl, aus den Baumkronen tropft der Raupenkot. Die einzige Antwort, die Forstbetriebe gefunden haben, war ein Insektizid zu spritzen. Und weil es sich um ein Kontaktgift handelt, also alle Nadeln benetzt werden müssen, wurde es per Hubschrauber ausgebracht.

Kahlfraß oder Radikalkur

Das Mittel der Wahl ist in diesem Fall ein Produkt namens "Karate Forst flüssig" des Herstellers Syngenta. Ein sogenanntes Pyrethroid, hoch wirksam gegen verschiedene Insekten. Forstwirte rechtfertigen diese Radikalkur: Andernfalls drohe völliger Kahlfraß und damit die Zerstörung des Kiefernwaldes und aller Lebewesen, die dort leben.

Warum hat die Nonne aber in diesem Jahr überhaupt so besonders großen Appetit auf Kiefern? Der Klimawandel spielt dabei nur eine indirekte Rolle, sagt Michael Lange, dieses Phänomen wird rund alle zehn Jahre beobachtet. In diesem Jahr kommt allerdings noch hinzu, dass die Bäume in Brandenburg nach zwei trockenen Sommern extrem geschwächt sind, sie können sich also kaum mehr gegen den Angriff der Nonne wehren, die sich ungestört vermehren kann.

"Der Einsatz des Insektizids ist wie beim Menschen eine Radikalkur mit Antibiotika: Wenn jemand wirklich krank ist, dann sagen die Forscher, dann muss es sein. Aber es ist keine gute Sache."
Michael Lange, Biologe und Wissenschaftsjournalist

Der Naturschutzbund (Nabu) hat gegen den Einsatz des Insektizids gegen die Nonne geklagt und war damit erfolgreich. Vor allem aus formalen Gründen, weil vor dem Einsatz des Mittels bestimmte Naturschutzprüfungen nicht durchgeführt wurden. Die Behörden rechtfertigten das damit, dass in diesem Jahr Eile geboten gewesen sei. Das Gericht gab der Umweltschutzorganisation recht. Die Folge: Seit Mitte Mai darf "Karate Forst flüssig" nicht mehr versprüht werden.

Wie es jetzt weitergeht, ist unklar. Michael Lange sagt: Der akute Schaden durch die massenhafte Vermehrung der Nonne ist größer als die Folgen des Einsatzes des Insektengiftes – und das sowohl aus wirtschaftlicher als auch aus ökologischer Sicht. Kurzfristig sterben zwar auch Nutzinsekten. Aber wenn der Wald im Umfeld intakt ist, wanderten diese Tiere im Folgejahr wieder ein. Klar ist aber auch: Der Wirkstoff Pyrethroid aus dem Insektengift kann sich auch im Grundwasser ablagern. Michael Lange tut sich schwer damit, ein abschließendes Urteil zu fällen, ob ein Insektizid ausgebracht werden sollte oder nicht.

"Ein Mischwald ist naturnäher. Er hat mehr Insektensorten und mehr Nützlinge. Und man geht davon aus, dass dort Massenvermehrungen von Schädlingen viel viel seltener auftreten, als in einem eintönigen Forst, wo nur eine Baumart wächst."
Michael Lange, Biologe und Wissenschaftsjournalist

Wer langfristig etwas tun will, sollte sich ansehen, was in unseren Wäldern wächst. Denn klar ist: Mischwälder sind viel besser gegen Schädlinge gewappnet als Monokulturen aus Fichten oder Kiefern. Und auch Nützlinge fühlen sich in naturnahen Wäldern viel wohler. Klar ist aber auch: So ein Umdenken und Umpflanzen braucht Zeit. Schon seit 30 Jahren wird in einzelnen Forsten anders gedacht und gepflanzt. Trotzdem sind erst zehn Prozent der Waldfläche umgebaut.