Vor 100 Jahren wurde der Wirkstoff Insulin entwickelt. Bis dahin war Diabetes eine tödliche Erkrankung. Die Behandlung mit Insulin ist kinderleicht geworden. Verbesserungen dabei sind dennoch wünschenswert. Vorträge von Viktor Jörgens und Andreas Neu.

Am 23. Januar 1922 wird Leonard Thompson mit Insulin behandelt. Der Junge ist 13 Jahre alt, stark abgemagert und aufgrund seiner Diabetes Typ 1-Erkrankung dem Tode nah. Die neuartige Behandung ist ein Segen für ihn und viele andere Menschen, die unter der Autoimmunkrankheit leiden. Unser Foto zeigt an Diabetes erkrankte Kinder in den 1950er Jahren, die sich selbst Insulin spritzen.

Viktor Jörgens, langjähriger Direktor der Europäischen Vereinigung zur Erforschung von Diabetes (EASD), erzählt aus den Anfangstagen des Wundermittels Insulin. Der Kinderdiabetologe Andreas Neu berichtet, was noch zu tun bleibt.

Lebensgefährliche Autoimmunerkrankung

Ein in der Bauchspeicheldrüse gebildetes Hormon regelt unseren Blutzuckerspiegel. Bei Diabetes Typ 1 wendet sich das körpereigene Immunsystem gegen die Zellen, die das Insulin produzieren sollen. Bei Diabetes Typ 2 entwickeln die Kranken eine Resistenz gegen das Hormon.

"Diabetes war vor der Einführung der Insulintherapie eine furchtbare Diagnose!"
Viktor Jörgens, ehem. Direktor der EASD

Die Krankheit ist seit Jahrhunderten bekannt. Auch war lange klar, dass die Bauchspeicheldrüse damit zu tun haben müsse. Was aber fehlte, war die exakte Kenntnis der Zusammenhänge und folglich auch eine Behandlungsmethode der Krankheit.

Experiment mit Hund

Noch im 20. Jahrhundert wurden Kranke mit radikalen Hungerkuren behandelt. Der kanadische Chirurg Frederick Banting versuchte, Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von Hunden zu gewinnen.

"Am 31. Oktober 1920 wachte Banting um zwei Uhr morgens auf und schrieb in sein Notizbuch: "Unterbinde die Gänge der Bauchspeicheldrüse bei einem Hund und versuche die innere Sekretion zu isolieren, um die Urinzuckerauscheidung zu bessern".
Viktor Jörgens, ehem. Direktor der EASD

Dem Biochemiker James Collip gelang es, ein technisches Verfahren zur Gewinnung von Insulin zu entwickeln. So begann am 22. Januar 1922 um 11 Uhr die Behandlung von Leonard Thompson mit Insulin.

"Ein hoffnungsloser Fall. Der 13jährige wog nur noch 29 Kilo und war dem Koma nahe. Die Wirkung war großartig!"
Viktor Jörgens, ehem. Direktor der EASD

Viktor Jörgens beschreibt bewegende Entwicklungen bei den ersten Patienten und Patientinnen:

  • Teddy Ryder, zu Beginn der Behandlung gerade fünf Jahre alt, dankt Frederick Banting in einem Brief mit den Worten: "Ich bin jetzt ein dicker Junge! Ich kann auf Bäume klettern".
  • Die junge Patientin Elisabeth Hughes, die vor der Behandlung mit Insulin hungern musste, protokolliert in einem Brief an ihre Mutter genauestens ihre Freude am Essen nach der erfolgreichen Behandlung: "Am 25. August aß ich nach dreieinhalb Jahren wieder eine Scheibe Weißbrot. Und am 7. September wieder Makkaroni!"
"Wir wollen, dass Kinder mit einem Diabetes aufwachsen wie andere Kinder auch. Ihr Leben soll nicht vom Diabetes bestimmt sein."
Andreas Neu, Kinderdiabetologe, Kinderklinik Tübingen

Aber auch wenn die Behandlung mit Insulin eine außerordentliche Erfolggeschichte ist, noch sind nicht alle Ursachen für die Krankheit geklärt. Der Kinder-Diabetologe Andreas Neu sieht zudem noch einigen Verbesserungsbedarf bei der Behandlung. Er fordert:

  • eine verbesserte Aufklärung über Diabetes in der Bevölkerung
  • bessere stationäre und ambulante Behandlungsmöglichkeiten
  • umfassende Inklusion der Diabetes-PatientInnen in Kitas und Schulen.

Viktor Jörgens ist der ehemalige Direktor der EASD. Sein Vortrag heißt "Entwicklungsschritte eines lebenswichtigen Hormons". Andreas Neu ist Kinderdiabetologe und ärztlicher Direktor der Neuropädiatrie an der Kinderklinik Tübingen. Sein Vortrag trägt den Titel "Insulin im Kindes- und Jugendalter - genug für eine gute Therapie?". Die Vorträge wurden anlässlich des Festaktes zu "100 Jahre Insulin" am 24. Juli 2021 in Berlin gehalten.