Internationale Sportevents finden auch in Ländern statt, in denen Menschenrechte missachtet und politische Gegner und Gegnerinnen gefoltert und getötet werden. Sie nutzen die Events, um ihr Image aufzupolieren, während die Weltöffentlichkeit vor allem auf den Wettbewerb schaut, meist aber nicht so genau auf die politischen Verhältnisse.

Die Spiele der Fußball-WM in Katar sind am Anfang auf wenig Interesse gestoßen. Erst allmählich haben sich die TV-Quoten gesteigert, obgleich sie den Wert früherer Weltmeisterschaften nicht erreichen. Das liegt an der Kritik am Gastgeberland Katar.

In diesem Wüstenstaat werden Menschenrechte missachtet und bei den Arbeiten an den Fußballstadien sind mehrere Hundert Menschen ums Leben gekommen. Oft ist ihnen der ohnehin karge Lohn vorenthalten worden, das Land verlassen konnten sie nicht, da die katarischen Behörden die Pässe eingezogen hatten.

Der Protest gegen die WM in Katar ist noch lauter geworden, weil der Fußballverband Fifa ganz offensichtlich vor den Machthabern kuscht und keinerlei Kritik an der Situation im Land zulässt. Dabei verfolgt Katar ein einfaches Kalkül: Das Land soll in die internationalen Schlagzeilen als moderner Austragungsort von Sportgroßereignissen und damit sein Image nach innen und außen aufpolieren. Diese Strategie ist schon des öfteren aufgegangen.

Argentinien: Nur während der Fußball-WM wurden Gefangene nicht gefoltert

1936 verhalfen die Olympischen Sommerspiele in Berlin dem NS-Regimes dazu, die wahren Absichten der Nationalsozialisten gegenüber dem Ausland eine Zeit lang zu kaschieren. Als 1978 die argentinische Mannschaft die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land gewonnen hatte, waren die brutalen Unterdrückungsmethoden der Militärdiktatur der argentinischen Junta unter General Videla für einige Momente vergessen. Das Land verharrte nach dem Triumph im Freudentaumel.

"Zwischen 1976 und 1978 war die blutigste Phase einer der brutalsten Militärdiktaturen der damaligen Zeit in Argentinien. Zehntausende von Menschen befanden sich in Folterzentren."
Wolfgang Kaleck, Fachanwalt für internationales Strafrecht

Auch zwei Boxkämpfe, die zu den Klassikern dieses Sports zählen, wurden aus politischen Gründen an Orte geholt, an denen man sie zuvor nicht erwartet hätte: Etwa am 30. Oktober 1974 der "Rumble in the Jungle" in Kinshasa zwischen George Foreman und Muhammad Ali, der bei seinem Comeback George Foreman den Weltmeistertitel abnahm.

Muhammad Ali (hinten) schlägt George Foreman (beide USA) k.o. beim als "Rumble in the Jungle" bekannt gewordenen Kampf. WM Herren WBC & WBA Weltmeisterschaft im Schwergewicht 1974 in Kinshasa.
© imago | Sven Simon
Der als "Rumble in the Jungle" bekannt gewordene Kampf: Muhammad Ali (hinten) schlägt George Foreman (beide USA) k.o. bei der WM Herren WBC & WBA Weltmeisterschaft im Schwergewicht 1974 in Kinshasa

Diktator Mobutu profitierte von diesem Megaereignis genauso wie ein Jahr später der philippinische Diktator Marcos, der am 1. Oktober 1975 den "Thriller in Manila" – Muhammad Ali gegen Joe Frazier – in die Hauptstadt seines Landes holte.

Auch hier konnte er ein wenig von der Tatsache ablenken, dass er den Inselstaat seit Jahren im Ausnahmezustand und mit Kriegsrecht regierte.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Fachanwalt für internationales Strafrecht Wolfgang Kaleck hat sich mit der Situation in Argentinien vor und während der Fußball-WM 1978 beschäftigt.
  • Der Autor Oliver Hilmes beschreibt, wie die Olympischen Spiele 1936 in Berlin abliefen und welchen Nutzen der NS-Staat davon hatte.
  • Der Politikwissenschaftler Christian Gläßel von der Berliner Hertie School hat mit anderen Autoren eine Studie über Sportgroßereignisse in autokratischen Staaten verfasst.
  • Die Dlf-Sportredakteurin Marina Schweizer war mit einer deutschen Delegation und der Innenministerin Nancy Faeser in Katar und schildert ihre Eindrücke vom Gastgeber der WM 2022.
  • Deutschlandfunk Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld geht zurück an die Anfänge sportlicher Großveranstaltungen und deren gesellschaftspolitischer Bedeutung.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sandra Doedter erinnert an die Fußball-WM 1978 unter den Bedingungen der argentinischen Militärdiktatur.
In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Wolfgang Kaleck, Fachanwalt für internationales Strafrecht
  • Oliver Hilmes, Autor
  • Christian Gläßel, Politikwissenschaftler
  • Marina Schweizer, Dlf-Sportredakteurin
  • Eine Stunde History
  • Moderation:  Markus Dichmann
  • Gesprächspartner:  Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte