Am 1. September eröffnet die Uni Bochum eine Online-Ambulanz für Internetsüchtige. Dabei sollen diejenigen, die Hilfe brauchen, da abgeholt werden, wo sie sind – also im Netz. Abgekürzt heißt die Ambulanz "Oasis" und ab morgen wird sie auf der Kölner Gamescom vorgestellt. Das Problem mit der Onlinesucht ist allerdings: Welches Verhalten am PC, am Handy oder Tablet ist noch normal? Und ab wann wird es krankhaft? Unser Reporter Martin Krinner hat Dauer-Internetnutzer dazu befragt.

Wir alle benutzen das Internet. Täglich. Manchmal stundenlang. Trotzdem bezeichnet sich kaum einer von uns als "süchtig". Wir brauchen das Netz beruflich oder weil wir mit anderen Leuten kommunizieren. Aber an der Dosis "Internet", die wir uns täglich verpassen, kann man noch nicht feststellen, ob es uns erwischt hat. Onlinesucht ist mehr als stundenlanges Surfen im Netz.

"Die Menschen verlieren völlig die Kontrolle über ihre Internetnutzung, die fast jede Minute des Alltags ausfüllt, häufig den Schlaf der Menschen raubt."
Bert te Wildt, Oberarzt an der Uniklinik Bochum und Leiter der Oniline-Ambulanz

Sucht beginnt dann, wenn wir durch die exzessive Nutzung von Computer, Konsole oder Internet die Kontrolle über unser Leben verlieren. Wenn uns auf einmal die Zeit fehlt, unserer Arbeit nachzugehen, unserer Beziehungen zu pflegen. Bert te Wildt, Oberarzt an der Uniklinik Bochum hat die Online-Ambulanz ins Leben gerufen. Er sagt, Internetsucht könne auch richtig bedrohlich werden, "wenn die Leute sich gar nicht mehr um den eigenen Körper und dessen Bedürfnisse kümmern. Das heißt, sie leiden unter Untergewicht oder starkem Übergewicht, unter Haltungsschäden. Also bis hin zur körperlichen Verwahrlosung geht das."

Computersüchtig oder nicht?

In Deutschland gelten etwa drei Prozent der Bevölkerung als computersüchtig. Aber aus Studien wissen die Ärzte an der Uniklinik Bochum, dass Betroffene den Weg meist gar nicht in eine Ambulanz oder zu einem Arzt schaffen. Wer es jetzt doch schafft, und anfängt, sich mit der eigenen - eventuellen - Sucht zu beschäftigen, der hat bei "Oasis" erstmal die Möglichkeit, herauszufinden, ob er wirklich Hilfe braucht. Und wenn dieser Selbsttest positiv ausfällt, also eine Internetsucht vermutet wird, dann werden die Betroffenen eingeladen, sich in der Online-Ambulanz anzumelden.

Und dann folgen zwei Gespräche - per Webcam über das Netz - mit den Therapeuten. Im ersten wird vor allem diagnostiziert, wie der Patient in die Abhängigkeit gerutscht ist. Und im zweiten werden die Leute beraten, wo sie tatsächlich Hilfe bekommen. Die eigentliche Therapie findet dann nämlich nicht mehr Online statt, sondern in einer Klinik oder in der Praxis eines Therapeuten.

"Wir glauben nicht, dass es sinnvoll ist, über das Netz selbst eine Therapie zu machen. Kritiker könnten dann sagen: Das ist so wie mit einem Alkoholiker bei einem Glas Bier über seine Therapie zu sprechen."
Bert te Wildt, Oberarzt an der Uniklinik Bochum und Leiter der Oniline-Ambulanz

Um diese Menschen besser zu erreichen, richtet die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ruhr-Universität Bochum im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) jetzt eine Online-Ambulanz ein. Das Ziel sei es nun, die Betroffenen dort abzuholen, wo die Sucht ihren Ursprung habe, nämlich im Netz. Das Team der Online-Ambulanz für Internetsüchtige stellt das neues Projekt jetzt in dieser Woche auf der Gamescom in Köln vor. Ab dem 1. September 2016 können Betroffene in Webcam-basierten Sprechstunden Hilfe bekommen.