Anfang der 2000er schwammen Interpol auf einer Welle mit den Strokes, Vines und White Stripes, wurden als Erneuerer und Retter des Indie-Rock gefeiert – und veröffentlichten drei Alben, die für internationales Aufsehen sorgten. Nur: Den Sprung in die Welt der Stadien, der Charts und der Grammys haben die New Yorker nie geschafft – bis jetzt. Denn 2014 ist alles anders.

Was sich allein an Sänger/Gitarrist Paul Banks festmachen lässt: Der 36-jährige Diplomatensohn ist inzwischen zum Rockstar mutiert. Inklusive Model-Freundin Helena Christensen, angewachsener, verspiegelter Sonnenbrille, aufwendig gegeltem Haar und Seidenhemd zu edlem Zweireiher. Ein wandelndes Klischee, zudem übellaunig und verkatert beziehungsweise mit verbalem Widerwillen, der sich erst im Verlauf des Gesprächs legt.

"El Pintor" - ein Album, zwei Hits

Dabei hat Banks eigentlich keinen Grund, mürrisch zu sein. Sein fünftes Album "El Pintor", das in berühmten Studios wie "Electric Lady" (NYC) und "Henson" (Los Angeles) entstanden ist, ist eines der größten und wichtigsten Rock-Alben des Jahres. Eben, weil es mystisch-morbiden Düsterrock mit sakraler Atmosphäre und hymnischen Melodien paart, eine beeindruckende stilistische Vielfalt aufweist (Anleihen bei Surf, Blues, New Wave und Post-Punk) und mit "All The Rage Back Home" und "Everything Is Wrong" auch zwei potentielle Hit-Singles birgt. Also Songs, die wie geschaffen sind, um sich in den Gehörgängen festzusetzen, und diese so schnell nicht mehr zu verlassen.

Womit Interpol plötzlich allein auf weiter Flur stehen: Ihre Zeitgenossen haben sie um Jahre wie Alben überdauert, stellen der blutarmen modernen Rockmusik wieder Attitüde, Dynamik und Klasse entgegen und könnten damit problemlos in die Welt der Mehrzweckhallen sowie der Gold- und Platin-Alben vorstoßen. Mit Mitte 30, so gibt Banks zu, sei das auch kein befremdlicher Gedanke mehr. Schließlich ist er mit Promis wie Bono, Dave Grohl oder RZA vom Wu-Tang Clan befreundet, besitzt ein Luxus-Apartment in Manhattan und fliegt regelmäßig zum Surfen nach Panama. Ein Lifestyle, der finanziert werden will – sofern er sich dafür nicht wer weiß wie verbiegen muss. Und das tut er auch nicht. "El Pintor" ist ein typisches Interpol-Album, das einfach hervorragend ins Hier und Jetzt passt.