Investigative Recherchen sind zeitaufwendig. Sie erfordern bestimmte Sicherheitsmaßnahmen für die Quellen wie für die Recherchierenden. Die Journalistin Eva Wolfangel hat für ihre Recherchen mit Cyberkriminellen gesprochen, ihre Kollegin Juliane Löffler mit mutmaßlichen Opfern von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt.

"Kriminelle missbrauchen deine Daten und deine Identität, du steckst jetzt in großen Schwierigkeiten, wir helfen dir, aus dem Ganzen rauszukommen." Mit dieser Betrugsmasche melden sich seit Wochen vermeintliche Mitarbeitende von Europol am Telefon. Nicht selten haben sie dabei Erfolg: Die Angerufenen glauben die Geschichte und überweisen im Laufe der nächsten Stunden oder Tage große Geldsummen an die Betrüger*innen.

"Diese Angreifer waren eindeutig psychologisch geschult. Sie wussten ganz genau, was sie tun: Mich in Stress versetzen, mir drohen, dass mein Ausweis gesperrt wird oder dass mein Geld weg ist."
Eva Wolfangel, Journalistin

Der Fachbegriff für diese Betrugsmethode ist Social Engineering. Die Versuche, über diesen Weg Menschen zu betrügen, nehmen zu. Auch die Journalistin Eva Wolfangel wurde angerufen. Der Anrufer hat sich als James Martin von Europol ausgegeben.

"Es war sehr beeindruckend! Wie kreativ die sind, wie ausdauernd, wie durchdacht die ganze Geschichte war. Wenn man einmal anfängt, die zu glauben, dann macht man da auch mit."
Eva Wolfangel, Journalistin

Was der angebliche James Martin allerdings nicht wusste: Eva Wolfangel hat gerade zu Cyberkriminalität recherchiert. Im Zuge ihrer Arbeit hat sie mit ehemaligen Cyberkriminellen gesprochen. Ihre Erkenntnis: Unsere Gesellschaft schaut nach "den falschen Lücken" – und schafft so optimale Bedingungen für das Geschäftsmodell der Cyberkriminellen.

Von Hürden und dem Schutz der Quelle

Journalistin Juliane Löffler berichtet in ihrem Vortrag darüber, wie es ist, zu Metoo-Vorwürfen zu recherchieren. Sie macht das seit vielen Jahren, so auch zu den Vorwürfen gegen Julian Reichelt, den ehemaligen Chefredakteur der Bild. Diese Recherche stand kurz vor der Veröffentlichung, als der Verleger ihres damaligen Verlagshauses sie abgesagt hat.

Die Journalistin und ihre Kolleg*innen konnten die Ergebnisse dann beim Spiegel veröffentlichen. Das Team wurde anschließend für seine Recherchearbeit geehrt.

Hürden und Befürchtungen

Juliane Löffler beschreibt in ihrem Vortrag, wie schwierig es ist, solche Vorwürfe zu recherchieren, welchen Hürden und Befürchtungen sich Opfer von Machtmissbrauch gegenüber sehen: Sie haben Angst vor öffentlicher Bloßstellung, vor Jobverlust und Beschädigung der eigenen Karriere, vor dem mutmaßlichen Täter, vor rechtlichen Auseinandersetzungen. Viele fürchten zudem das Stigma.

Juliane Löffler zitiert in ihrem Vortrag Christina Clemm, Fachanwältin für Strafrecht, die geht davon ausgeht, dass ein grundsätzliches Misstrauen bestehe, wenn Frauen Taten wie Vergewaltigung und Missbrauch öffentlich machen: "Der Mythos der stets bezichtigenden, rachesuchenden Frau, die etwa, um sich einen Vorteil zu verschaffen oder vielleicht auch nur, um der verflossenen Liebe zu schaden, Ermittlungsbehörden dreist anlügt oder Straftaten erfindet, ist hartnäckig und wirkmächtig."

Die Journalistin sieht ihre Branche – den investigativen Journalismus – in einer "Schutzschild-Funktion" für Menschen, die erlittenes Unrecht öffentlich machen wollen. Denn: Journalist*innen können Öffentlichkeit herstellen, dabei aber die Quellen abschirmen.

"Diese Anonymität wird genau abgestimmt. Ich bespreche mit den Personen, ob der Nachbar sie erkennen darf, aber die Öffentlichkeit nicht, ob Wohnort oder Beruf genannt werden dürfen."
Juliane Löffler, Journalistin

Juliane Löffler hat ihren Vortrag "#Metoo-Recherchen: Juliane Löffler berichtet" am 8. Juni 2022 auf der Republica gehalten wie auch Eva Wolfangel. Ihr Vortrag trägt den Titel "Wie denken und agieren Cyberkriminelle – und wieso finden sie immer eine Lücke? Fragen wir sie doch!". Das Buch "Ein falscher Klick" von Eva Wolfangel erscheint im Herbst 2022.