Traunstein hat aktuell (10.11.2021) mit einem Wert von 948,8 die zweithöchste Sieben-Tages-Inzidenz in Deutschland. Weil die Kliniken in der gesamten Region überfüllt sind, können teilweise Operationen schwerkranker Menschen dort nicht durchgeführt werden, sagt der Landrat von Traunstein.

Mitten in der vierten Corona-Welle werden einige Regionen in Deutschland wieder zu Corona-Hotspots mit Sieben-Tages-Inzidenzen, die an einem Wert von 1000 kratzen. Auf dem Covid-19-Dashboard des Robert-Koch-Instituts (RKI), das die Regionen anhand ihrer Inzidenzwerte farblich einfärbt, hat die Farbe rot vor allem im Osten Deutschlands und im Südosten von Bayern ausgedient – dort dominiert lila. Die Sieben-Tages-Inzidenzen liegen hier also mindestens bei 500.

Unter ihnen ist der Landkreis Traunstein im Süden Bayerns in der Nähe der Grenze zu Österreich. Dort liegt die Inzidenz laut RKI momentan bei 948,8. Nur der Landkreis Rottal-Inn, der etwa eine Stunde von Traunstein entfernt ist, liegt mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 1104,3 darüber. Es ist aktuell die höchste in Deutschland.

Darüber, welche Auswirkungen der Inzidenzwert auf den Landkreis Traunstein hat und wie dort jetzt versucht wird, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, hat Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Jenni Gärtner mit Siegfried Walch, dem Landrat des Kreises Traunstein, gesprochen.

"In den Klinken ist die Lage aktuell sehr dramatisch"

Jenni Gärtner: Herr Walch, können Sie erklären, warum die Corona-Inzidenz bei Ihnen so hoch ist?

Siegfried Walch: Die Frage beschäftigt uns seit Beginn der Pandemie. Alle Wellen, die wir bis jetzt erlebt haben, sind von Südosten oder Osten durch Europa geschwappt und deswegen, glaube ich, trifft es immer diesen unteren Raum als Erstes.

Zudem haben wir leider Gottes die Situation, dass wir eine unterdurchschnittliche Impfquote haben und das Virus hier leider nicht auf einen Widerstand oder eine Schallmauer trifft, sondern leider durchschwappen kann.

Wie ist die Lage aktuell in den Krankenhäusern und Intensivstationen vor Ort? Merkt man das bei Ihnen?

Ja, massiv. Die Kliniken in der ganzen Region sind absolut voll. Das ist seit Wochen die Realität. Wir können Patienten nicht mehr innerhalb der Region verlegen, weil die anderen Landkreise in der Nachbarschaft auch voll sind. Patienten werden daher quer durch ganz Bayern verlegt.

Wir haben bereits jetzt die Situation, dass geplante OPs von schwerkranken Menschen nicht durchgeführt werden können, weil die Kliniken voll sind – vor allem mit Patienten, die nicht geimpft sind. Das erleben wir hautnah und tagtäglich.

Es ist auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Belastung. Vor allem, wenn sich eine Krankenpflegerin auch noch von jemandem beschimpfen lassen darf, der nicht geimpft ist und behauptet, das Virus würde nicht existieren.

In den Klinken ist die Lage aktuell also leider sehr dramatisch. Nicht die Inzidenzen an sich sind schlimm, sondern es ist die Belastung in den Krankenhäusern, die uns jetzt große Sorgen macht.

Mit welchen Maßnahmen wollen sie die Inzidenzen wieder runterkriegen?


Im Kreis gibt es seit vielen Wochen schon verstärkte Maßnahmen. Erst mit der Durchsetzung der Maßnahmen, die schon gelten, Schwerpunktkontrollen. Wir versuchen auch zu sensibilisieren und die Impfkampagne möglichst am Laufen zu halten.

Und es hat sich in den letzten beiden Wochen so entwickelt, dass wir die Maßnahmen verschärft haben. Das heißt: Wir haben 3G Plus statt 3G eingeführt und sind überall ein Stück schärfer als der Freistaat Bayern oder als das restliche Deutschland. Das wird auch so weitergehen, solange sich die Zahlen hier weiter so entwickeln wie momentan.

Seit Montag gelten in Bayern strenge Regeln etwa eine 2G-Regelung in sehr vielen Bereichen oder eine Testpflicht in bestimmten Bereichen von Unternehmen sowie eine Maskenpflicht in Schulen. Wie wollen Sie bei sich im Kreis dafür sorgen, dass die Regeln auch eingehalten werden?


Wir legen großen Wert auf Kontrollen. Trotzdem muss man sich klar machen, und dafür braucht man einen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung, dass wir nie zu hundert Prozent sicherstellen können, dass eine Maßnahme eingehalten wird – ähnlich wie bei einer Geschwindigkeitsbeschränkung.

Natürlich kann man punktuell Blitzer aufstellen, aber Sie können nie zu hundert Prozent sicherstellen, dass niemand zu schnell fährt. Deswegen muss uns eines klar werden als Kollektiv: Wir müssen dieses Virus als Gemeinschaft bekämpfen.

Ich stelle fest, dass viele darüber diskutieren, ob ihnen die Maßnahmen der Regierung passen, aber das ist gar nicht relevant. Relevant ist, was jeder Einzelne tun kann, dass wir als Gemeinschaft dieses Virus besiegen können und wieder einigermaßen zur Normalität zurückkommen können.

Darauf sollten wir uns konzentrieren. Insofern hilft es nicht, darüber zu diskutieren, was die Politik alles machen soll. Das ist eine außergewöhnliche Krisenlage, die schafft man nur gemeinsam und mit dem Engagement jedes Einzelnen.

Sie haben gerade die Blitzerkontrollen angesprochen als Beispiel. Kann man das so übertragen? Machen Sie auch punktuell Kontrollen?


Es wird ständig kontrolliert. Wir haben aktuell 1600 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. Jede Anzeige, die bei uns eingeht, wird geahndet.

Gleichzeitig wollen wir aber auch zum Beispiel die Gastronomie und den Einzelhandel sensibilisieren und sie auch unterstützen. Ich glaube, dass Maßnahmen oftmals daran scheitern, weil sie vielleicht falsch verstanden werden oder nicht ganz klar ist, wie man sie umsetzen kann.

Deswegen legen wir auch Wert darauf, dass wir versuchen, die Betriebe zu unterstützen und sie an die Hand zu nehmen. Es geht uns nicht darum zu bestrafen, aber wir tun es natürlich auch. Wenn Regeln nicht eingehalten werden, müssen wir es ahnden.