Corona- oder Klimakrise, die Erkenntnisse sind erwiesen und wissenschaftlich belegt, trotzdem gibt es Menschen, die das nicht wahrhaben wollen. Forschende haben herausgefunden, mit Denkvermögen oder Bildung hat das nichts zu tun.

Forschende haben untersucht, woran es liegt, dass Menschen Fakten ignorieren. Mit zwei Untersuchungen haben sie gezeigt, dass Menschen an dem festhalten, was ihnen zupasskommt oder was erwünscht ist, auch wenn es nachweislich falsch ist. Wenn demnach jemand Fakten leugnet, dann aus persönlichen und nicht aus sachlichen Gründen, folgern die Forschenden.

Moralisch statt faktenbasiert

Bei einer der Versuchsanordnung haben die Forschenden 1900 Versuchspersonen Fallgeschichten vorgelegt. Die Versuchspersonen sollten zum einen angeben, was sie in dieser Situation für die richtige Position hielten, zum anderen, was ein objektiver Beobachter aus den Fakten schließen würde. Beispiel: Bei einem guten Freund werden Drogen gefunden, er behauptet, sie seien nicht von ihm. "Wie verhältst du dich? Es ist dein Kumpel und du willst zu ihm halten", beschreibt der Neurowissenschaftler Henning Beck die Versuchsanordnung.

Im Schnitt haben die subjektiven und objektiven Einschätzungen beisammen gelegen. Aber für je moralischer die Versuchspersonen die Bewertung der Situation hielten, desto mehr waren sie bereit, die Fakten zu ignorieren, erklärt Henning Beck. Anders gesagt: Je moralischer eine Angelegenheit in den Augen der Versuchspersonen war, desto weniger Belege hielten sie für nötig. Nachvollziehbar ist das, wenn es sich um die Familie oder Freunde handelt.

Mix aus Motiven manifestiert Ignoranz

Was sind aber die Gründe für Wissenschaftsskepsis? Henning Beck erklärt, dass es anders als bei der ersten Studie nicht um eine persönliche, moralische Betroffenheit geht, sondern um andere Elemente wie Angst vor einer Veränderung, aber auch Ekel. Das sei ein Motiv bei Impfskeptikern, die sich vor Spritzen ekeln.

"Je mehr sich die Personen vor Spritzen ekeln, desto größer ist die Impfskepsis. Deshalb sollte man, wenn man für Impfung Werbung macht, keine nackten Oberarme zeigen, in die Spritzen reingerammt werden."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Der Psychologe Matthew Hornsey von der University of Queensland hat in seiner Studie sechs Motive gefunden, warum Menschen Fakten leugnen. Unter anderem:

  • Politische Weltanschauung
  • Verschwörungsglaube
  • Persönliche oder soziale Identität

Bei der sozialen Identität kommt zum Beispiel zum Tragen, dass in der Gruppe eine bestimmte Meinung vorherrscht und es deshalb für das Individuum schwer ist, eine andere Haltung zu vertreten aus Angst, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

"Das sind so soziale oder psychologische Momente, die durchaus eine Rolle spielen, dass man an solchen Irrglauben festhält."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Um letztlich gegen Irrglaube wirksam vorgehen zu können, rät Matthew Hornsey, die wahren Motive zu berücksichtigen und sich ihrer zu bedienen: "Wenn die Gründe dafür, Wissenschaft zu leugnen, beseitigt sind, dann haben die meisten Menschen auch keine Probleme mehr, den wissenschaftlichen Konsens zu verstehen."

Wissenschaft sollte ihren Nutzen für die Menschen mehr betonen

Henning Beck schlägt vor, diese Motive, also das, was die Menschen für sich als nützlich erachten, in den Vordergrund zu stellen, weil sie sich eben nicht an den Fakten orientieren.

"Menschen von Fakten zu überzeugen, funktioniert oft gar nicht, weil sie sich gar nicht an Fakten orientieren, sondern sie orientieren sich an dem, was für sie nützlich ist."
Henning Beck, Neurowissenschaftler

Deshalb solle die Wissenschaft den Menschen aufzeigen, welchen praktischen Nutzen oder Vorteil sie ihnen bringe, rät der Neurowissenschaftler.