Die Terrorgruppe Isis will im Grenzgebiet zwischen Irak, Syrien und Jordanien einen islamistischen Gottesstaat etablieren - dazu gehört die Einführung der Scharia als Rechtssytem. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide erklärt, was das bedeutet.

Übersetzt bedeutet Scharia "der Weg zu Gott". Der wiederum besteht aus zwei Teilen, einem individuellen und einem kollektiven:

  1. Das reine Gewissen
  2. Die gerechte Gesellschaftsordnung

Das Problem, sagt Mouhanad Khorchide, sei, dass der Koran keine Anleitung dafür gibt, wie dieser Weg genau aussieht. "Das sind Prozesse, die wir Menschen aushandeln. Da beginnt schon die Herausforderung, wenn Menschen einen Staat nach der Scharia regieren. Sie meinen ihre Interpretation vom Islam."

"Wenn Sie in Indonesien fragen, wie steht es um die Scharia und Demokratie? Dann sagen die, es sei Teil ihres Verständnisses von Scharia, dass Demokratie dazugehört. Wenn Sie dieselbe Frage in Saudi-Arabien stellen, wird dort geantwortet: Scharia und Demokratie sind nicht miteinander vereinbar."

Der Gottesstaat

Isis, kurz für "Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien", würde den Gewaltaspekt im Islam betonen, sagt Mouhanad Khorchide. Wie andere extremistische Gruppierungen auch würde die Isis ihren Staat dann sehr restriktiv regieren - im Namen des Islam.

"Sie sehen sich als Stellvertreter Gottes, im Namen Gottes führen sie Gesetze ein. Sie gehen davon aus, wenn sie die Menschen mit Gewalt dazubringen, diese Gesetze auszuführen, haben sie diesen Staat. Hauptsache das Endergebnis stimmt."

Fanatismus spielt dabei eine große Rolle. Davon betroffen seien vor allem junge Menschen, die glauben, sie täten etwas Gutes für ihre Religion, wenn sie andere umbringen oder sich selbst in die Luft jagen. "Für junge Menschen, die keine Perspektive sehen, ist das eine Erfüllung, ein Lebensziel", erklärt Mouhanad Khorchide. Im Hintergrund gebe es aber viele Kräfte, die ausschließlich nach politischer Macht streben - und dafür die Religion instrumentalisieren.

Die Wurzel des Konflikts

Beim Vormarsch der Isis geht es neben geopolitischen Interessen vor allem um einen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Der hat seinen Ursprung im Jahr 632, als Mohammed gestorben ist. Damals entbrannte ein Streit darüber, wer der politische Nachfolger von Mohammed sein könnte. Ein Teil wollte den Nachfolger wählen, ein anderer Teil sagte, der Nachfolger von Mohammed sei von ihm selbst bestimmt worden. Dieser Konflikt sei im Laufe der Jahrhunderte für politische Zwecke instrumentalisiert worden.

"Später ist dieser Konflikt in die Theologie eingedrungen. Dass bei den Schiiten der Anführer, der Imam, von Gott gesetzt und nicht gewählt wird. Deshalb glauben die Schiiten an die Imame als Glaubensgrundsatz. Das ist der Unterschied"
Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler an der Uni Münster