Wenn wir isoliert sind, reagiert unser Gehirn genauso, wie wenn wir Hunger haben: Es entwickelt ein starkes Verlangen – nur eben nicht nach etwas zu Essen, sondern nach sozialen Kontakten.

Forschende aus den USA haben in einer Studie untersucht, wie sich Einsamkeit auf unser Gehirn auswirkt. Dabei ging es ihnen um objektive Einsamkeit. Das bedeutet: Die Testpersonen haben sich nicht nur alleine gefühlt, sondern sie waren es objektiv gesehen auch. Denn für dieses Experiment wurden die Probanden zehn Stunden lang von anderen Menschen isoliert.

Während der Isolation haben sich die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer in einem Raum aufgehalten und sich nur mit "nicht-sozialen" Aktivitäten beschäftigt. Zum Beispiel puzzeln oder Sudokus lösen oder etwas lesen, wobei der Text keine sozialen Situationen beschreiben durfte.

"Durch die Isolation – beziehungsweise den Hunger – hat sich das Gehirn total auf das fokussiert, was fehlt."
Anne Tepper, Deutschlandfunk Nova

Im Anschluss an die Isolation gaben die Testpersonen an, dass sie sich wesentlich einsamer fühlten als vorher und sich vor allem nach Kontakten sehnten. Vergleichbar mit dem Gefühl das man hat, wenn man lange nichts gegessen hat und sich extrem danach sehnt.

Zum Vergleich haben die Forschenden auch die Gier nach etwas Essbarem simuliert. Dieselben 40 Probanden, die zuvor zehn Stunden lang isoliert wurden, bekamen dieses Mal zehn Stunden lang nichts zu essen. Danach hatten sie vor allem eins: Hunger.

Das ergaben nicht nur die Befragungen, sondern auch die Hirnscans, die vorgenommen wurden.

"Das Verlangen, nach dem was gefehlt hat, wurde nur leicht verstärkt. Das Verlangen nach anderen Sachen wurde deutlich abgeschwächt.
Anne Tepper, Deutschlandfunk Nova

Die Forschenden haben sich einen Teil des Gehirns angeguckt, von dem schon bekannt ist, dass dort viel Dopamin ausgeschüttet wird. Dopamin ist ein Hormon, das mit dem Belohnungssystem unseres Körpers zusammenhängt.

Nach dem Fasten bekamen die Teilnehmenden Bilder von ihrem Lieblingsessen gezeigt und von Menschen, die gemeinsam lachen oder sich unterhalten. Zum Vergleich wurden den Testpersonen auch Bilder mit neutralem Inhalt gezeigt, zum Beispiel von Blumen.

Fokussierung auf das, was fehlt

Das Ergebnis war ziemlich eindeutig: Nach dem Fasten reagierte das Gehirn stärker auf Essen, nach der Isolation stärker auf Menschen. Also immer auf das, was gefehlt hatte.

Nach dem Motto "Ohne dich ist alles doof"

Daraus schließen die Forschenden: Wenn ein wichtiges Bedürfnis nicht befriedigt wird, kann man auch das Interesse an anderen Bedürfnissen verlieren.

Allerdings wurden in der Studie nur Menschen getestet, die von sich sagen, dass sie normalerweise ein stabiles soziales Netz haben und viele Kontakte. Je mehr, desto schwerer fiel ihnen auch die Isolation.

Um zu sehen, welche Auswirkungen die Corona-Kontaktbeschränkungen auf die gesamte Gesellschaft haben, müsste man auch Menschen untersuchen, die generell eher wenig Kontakte haben.