In Japan gibt es landesweit sogenannte "Flower Demos". Die Demonstrantinnen fordern härtere Gesetze bei sexuellen Übergriffen. Das Problem: In Japan gibt es eine starke Schamkultur. Die Menschen sprechen hier so gut wie gar nicht über Missbrauch, sagt Kathrin Erdmann, ARD-Korrespondentin in Tokio.

Die Anzahl von Gerichtsverfahren wegen sexueller Gewalt sei verschwindend gering. In den letzten Monaten hätten aber drei Urteile für eine große Welle der Kritik gesorgt, berichtet die ARD-Korrespondentin in Tokio, Kathrin Erdmann.

In einem Fall gehe es um einen Vater, der seine Tochter über Jahre missbraucht habe. Das Gericht habe ihn freigesprochen, weil die Tochter keinen Widerstand geleistet habe.

"Es kommt immer wieder zu Freisprüchen, weil Richter gegen die Argumentation der Opfer halten und mehr Nachweise einfordern."
Kathrin Erdmann, ARD-Korrespondentin in Tokio

Zu solchen Urteilen komme es immer wieder, weil Justizbehörden die Beweislage der Opfer nicht als ausreichend befinden und mehr Nachweise einfordern. Ein Vergewaltigungsopfer müsse demnach beweisen können, dass die Täterin oder der Täter Gewalt eingesetzt habe und das Opfer keinen Widerstand leisten konnte, weil es eingeschüchtert war.

Deshalb üben die Protestierenden mit einer Petition und den landesweiten "Flower Demos" Druck auf die Regierung aus: Sie fordern, dass das Strafrecht überarbeitet und die Gerichte die Gesetze härter anwenden müssten. Vor zwei Jahren sei das hundert Jahre alte Strafrecht angepasst worden, aber es gebe immer noch entscheidende Lücken, erklärt Kathrin Erdmann.

"Flower Demos" als Zeichen gegen die Schamkultur Japans

Seit sechs Monaten gibt es die „Flower Demos“ in neun japanischen Städten, darunter Tokio, Kagoshima und Osaka. Am 11. September 2019 haben insgesamt etwa 1000 Frauen und Männer an den Demos teilgenommen. Die Zahl wirkt nach wenig Protest. Unter japanischen Bedingungen hätten die Demonstrationen für Japan Bedeutung, weil dort viel seltener demonstriert werde, berichtet Kathrin Erdmann. Gerade auch weil es bei den Protesten um Frauenrechte gehe, seien die "Flower Demos" etwas Besonderes.

"Gerade für Frauenrechte gibt es so gut wie keine Demonstrationen."
Kathrin Erdmann, ARD-Korrespondentin in Tokio

Die Schamkultur hat zur Folge, dass Frauen gegenüber sexuell übergriffigen Männer schweigen. Trauen sie sich doch, einen Fall zu melden, komme es oft vor, dass die Polizei die Frauen frage, ob sie den Fall wirklich zur Anzeige bringen möchte, sagt die ARD-Korrespondentin.

"Flower Demo" als Wiederaufnahme von #MeToo

Diese Schamkultur hat sich auch bei der globalen Debatte um #MeToo gezeigt: In Japan hat sie so gut wie gar nicht stattgefunden. Stattdessen hat eine kleine Gruppe dazu aufgerufen, unter #WeToo sich zu solidarisieren. Kathrin Erdmann sieht in der "Flower Demo"-Aktion daher Potenzial, die Debatte um #MeToo noch mal aufleben zulassen.