Im Archiv von Bad Arolsen sind mehr als 17,5 Millionen Namen von Nazi-Opfern dokumentiert. Dieses Archiv soll nun digital werden – und dabei können wir alle mithelfen.

Über Ischok Holländer ist nicht viel bekannt. Er war Buchdrucker, Jude und wurde am 9. März 1945 in Auschwitz von den Nazis ermordet.

Diese dünnen Informationen stehen auf seiner Häftlings-Karteikarte und liegen zusammen mit 17,5 Millionen anderen Datensätzen im hessischen Bad Arolsen in einem Archiv verstaut. So archiviert haben seine Angehörigen so gut wie keine Chance herauszufinden, was vor 75 Jahren mit ihm passiert ist.

"Viele Familien wissen bis heute nicht, was mit ihren Verwandten nach der Deportation durch die Nazis geschah."
Martina Schulte, Deutschlandfunk Nova

Doch die Arolsen Archives haben nun die Aktion #JederNameZählt gestartet, mit dem der komplette Datensatz digitalisiert werden soll. "Zunächst war die Aktion nur für rund 1000 Schülerinnen und Schüler" gedacht, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Martina Schulte, "jetzt können wir aber alle dem Archiv dabei helfen, seine Bestände online verfügbar zu machen".

Martina hat das ausprobiert, mit den Informationen über Ischok Holländer. Die Karteikarte vor Augen, hat sie die Informationen über ihn in eine digitale Maske eingegeben. "Ich fand es sehr berührend, die Erinnerung an diesen einen Menschen festzuhalten", sagt Martina. Auch wenn am Ende viele Fragen offen bleiben müssen. Wie er war, was mit ihm passiert ist, ob er Angst hatte. Und wie er schließlich gestorben ist.

Sie hat dabei vom Archiv Online-Hilfen bekommen. Dort werden zum Beispiel Abkürzungen erklärt oder was man tun soll, wenn sich etwas nicht entziffern lässt. Online gestellt wird dann schließlich auch nur das, was von drei verschiedenen Freiwilligen identisch erfasst wurde.

2500 Freiwillige wollen 17.500.000 Schicksale digitalisieren

Derzeit soll es etwa 2500 Freiwillige geben, und sie stehen vor einer wahren Mammutaufgabe: Bis zum Jahr 2025 sollen alle 17,5 Millionen Namen des Archivs digital abrufbar sein, erklärt Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, im Tagesspiegel: "Das Projekt ist eine Wende in unserer Arbeit." Davor hätten nur Archivare und Historikerinnen die Dokumente erfassen dürfen, also Profis. Jetzt dürfen die interessierten Laien an die Arbeit.

Eine Karteikarte aus den Arolsen Archiven.
© Swen Pförtner | dpa
So sieht eine der Karteikarten aus dem Arolsen Archiv aus.

Das kostet Zeit. Auf der Seite der Archive wird erklärt: "Wenn Sie nur einige Minuten zur Verfügung haben, wählen Sie bitte das Arbeitspaket 'Dachau'." Wer mehr Zeit hat, kann sich eine Karteikarte aus dem Konzentrationslager Buchenwald vornehmen, Sachsenhausen sei am anspruchsvollsten.

So anspruchsvoll und umfangreich die Aufgabe auch sein mag, so wichtig ist sie auch. Jahr für Jahr erreichen das Arolsen Archiv immer noch Anfragen zu mehr als 20.000 Personen. Etwa zwei Drittel stammen von Angehörigen, die wissen wollen, was aus ihren Familienmitgliedern geworden ist.