• Abonnieren
  • Spotify
  • iTunes
  • Google

"Die Straße der Ölsardinen" von John Steinbeck ist ein Buch voller Trost - wenn auch völlig aus der Zeit gefallen, meint unsere Autorin Lydia Herms.

Die Sache scheint unverdächtig. Komisch ist sie aber trotzdem… Noch nie zuvor hat Lee in seinem Laden eine andere Währung akzeptiert als Dollar, also: richtiges Geld. Und jetzt: Frösche?!

Doc würde sie ihm abnehmen, das weiß Lee. Der würde ihm für jeden lebendigen Frosch einen Nickel zahlen. Für zwanzig Frösche also einen Dollar. Und jetzt steht Mack in seinem Laden und will genau das: mit Fröschen bezahlen.

Wenn er Mack fünfundzwanzig Frösche für Lebensmittel im Wert von einem Dollar abknöpft, würde Lee fünf Frösche Gewinn machen. Und nicht nur das: Er könnte die Preise konkurrenzlos bestimmen – zwei Frösche für eine Coca-Cola, acht Frösche für eine Dose Pfirsiche, zwölfeinhalb Frösche für ein Beefsteak.

Einmal wohlhabend sein

Bestimmt tausend Frösche haben Mack und seine Freunde Eddie, Jones, Hazel und Hughie gesammelt. Von den tausend leben zwar nicht mehr alle, aber selbst wenn es nur noch neunhundert Frösche sein sollten, genießen die fünf jungen Männer nach dem Deal mit dem Lebensmittelhändler Lee etwas, was sie selten genießen: das Gefühl, wohlhabend zu sein.

Das Froschgeschäft ist nur eine der vielen großartigen Anekdoten in John Steinbecks Roman "Die Straße der Ölsardinen" – 1945 erstmals erschienen unter dem Titel "Cannery Row".

Die "Cannery Row" liegt in Monterey, Kalifornien

Die Bewohner dieser Straße in dem kleinen kalifornischen Fischerort Monterey stehen im Mittelpunkt von Steinbecks Geschichten, darunter Lee mit seinem Laden, die Bordellbetreiberin Dora in der "Flotten Flagge", der Biologe und Tierpräparator Doc mit seinem Laboratorium und die fünf Freunde Mack, Eddie, Jones, Hazel und Hughie, die sich mit allerlei Spermüllfunden in einer alten Lagerhalle ein Fünfbettzimmer eingerichtet haben – und in der Not alles füreinander tun oder opfern würden.

John Steinbeck
© picture alliance/AP Photo | Uncredited
Undatiertes Foto des US-amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck (1902-1968).

Der Name der Straße kommt von den Ölsardinenfabriken, die dort zwischen 1895 und etwa 1950 betrieben wurden. Das Leben der Menschen dort inspirierte Steinbeck zu seinen Geschichten.

Tiefe Freundschaft und Hilfsbereitschaft - trotz Not

Tiefe, krisenstarke Freundschaft – sie findet sich in vielen Romanen des Literaturnobelpreisträgers Steinbeck wieder, darunter die internationalen Bestseller "Von Mäusen und Menschen" und "Jenseits von Eden".

Dass die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Cannery Row bettelarm sind, wird weder verschwiegen noch dramatisiert. Und so ist es beispielsweise auch völlig logisch, dass die Prostituierten dort während einer schweren Grippewelle Doppelschichten schieben – in den Betten und an den Betten, als ehrenamtliche Krankenschwestern nämlich.

Das Buch: "Die Straße der Ölsardinen" (OT: "Cannery Row", 1945) von John Steinbeck. Aus dem Englischen übersetzt von Rudolf Frank, aktuell erhältliche Ausgabe: dtv, 149 S.