Ein weißes Blatt Papier, ein unberührtes Notizbuch - und ihr sitzt davor und kriegt nichts hin. Anstatt einfach anzufangen, legt ihr den Stift beiseite. Wenn ihr dieses Gefühl teilt, dann solltet ihr "Johnny und Jean" aus dem gleichnamigen Roman von Teresa Präauer kennenlernen.

Alles ist vorbereitet. Jetzt kommt der schwierige Teil. Jetzt muss Johnny sich hinsetzen und etwas zu Papier bringen.

Johnny fängt aber nicht an. Und das kommt nicht gut an einer Kunsthochschule, wenn man die Leinwände immer nur bespannt und grundiert, aber nicht bemalt. Wenn man bei einer Kunstaktion nicht mitmacht, sondern nur die Zigaretten für die Kommilitonen dreht. Und keiner dreht so schöne Zigaretten wie Johnny, sagen die anderen.

Johnny traut sich nicht, anzufangen. Er könnte was falsch machen. Er könnte sich verraten. Dass er noch nie einen anderen Menschen komplett nackt gesehen hat, zum Beispiel. Und dann soll er plötzlich eine Aktzeichnung anfertigen. Er weiß nicht, wohin er gucken soll. Und die Dozentin wird nicht müde, ständig allem einen Namen zu geben: Vagina. Vagina. Vaaaginaaa.

Johnny ignoriert die schwierigen Stellen und denkt an Jean. Das macht er immer, wenn er nicht weiter weiß. In der Fantasie kann er jedes Bild zeichnen.

Lieber nicht gesehen werden. Sicher ist sicher.

"Johnny und Jean" von Teresa Präauer: Ihr zweiter Roman erzählt von einem introvertierten Johnny und von einem extrovertierten Jean, die gemeinsam an einer Kunsthochschule studieren. Während Jean bereits bei der ersten Prüfung aufgenommen wird, muss Johnny ein zweites Mal antreten. Jean ist ihm also mindestens ein Jahr voraus. Vielleicht sogar ein ganzes Leben.

Johnny bewundert Jean. Das hat er auch schon getan, als sie noch Kinder waren. Jean gehörte zu den Jungs, die im Schwimmbad ins Wasser springen als würden sie nichts fürchten, kopfüber, vom Dreier. Jungs wie Jean wollen gesehen werden.

Jungs wie Johnny wollen eigentlich auch gesehen werden. Aber sie befürchten, dass das, was zu sehen wäre, unzumutbar ist, und wollen dann doch lieber nicht gesehen werden. Sicher ist sicher. Noch heute, Jahre später, flutet Scham Johnnys Erinnerungen, wenn er daran denkt, dass er mal fast seine Badehose verloren hat, als er ins Wasser gesprungen ist.

Johnny wird noch überrascht sein von Jean

Johnny würde auch gern einfach machen. Einfach eine Idee haben und machen. Stattdessen verwendet er Tage und Wochen für die Vorbereitung der Umsetzung einer ganz vagen Idee. Sie ist kaum zu fassen. Sie schwimmt im Wasser wie ein Fisch, zart und flüchtig, mal nah und schillernd, und ist dann schon wieder weg.

Wie gern würde Johnny das mit Jean besprechen. Davon träumt Johnny oft zu Beginn des Studiums, in dem Jean alles hinkriegt und Johnny nichts. Da weiß Johnny noch nicht, dass sein Traum wahr werden wird - ein paar Jahre später. Und dass er überrascht sein wird von Jean. Ausgebrannt wird er vor ihm sitzen, müde vom Gesehenwerden. Und was wird Johnny machen? Malen, was denn sonst.

Autorin:

Teresa Präauer, geboren 1979, studierte Germanistik und bildende Kunst. Im Wallstein Verlag erschienen die Romane "Für den Herrscher aus Übersee", "Johnny und Jean" und "Oh Schimmi". Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, unter anderem den aspekte-Preis 2012 und den Erich-Fried-Preis 2017. Sie lebt in Wien.