In Hamburg ist am Sonntag (04.10.) ein jüdischer Student vor einer Synagoge angegriffen und schwer verletzt worden. Ihn habe das leider nicht überrascht, sagt Lars Umanski, der selbst jüdisch ist. Seit dem Anschlag in Halle vor einem Jahr begleite ihn oft ein "mulmiges Gefühl" – trotz der Sicherheitskräfte an den Synagogen.

Es ist beinahe genau ein Jahr her: Am 9. Oktober 2019 versuchte der Rechtsextremist Stephan B. am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, in die Synagoge in Halle einzudringen und ein Blutbad anzurichten. Die Tür der Synagoge hielt Stand. Zwei Menschen fielen dem Täter dennoch zum Opfer.

Für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland hat sich seit diesem Tag etwas verändert – so auch für Lars Umanski. Er sei vorsichtiger geworden, aufmerksamer – auch wenn er in die Synagoge geht. Besonders an den hohen Feiertagen des Judentums, die in diesen Tagen stattfinden.

"Wie ist die Situation hier gerade? Könnte hier jemand reinkommen, der hier nicht reinkommen soll? Das sind Fragen, die ich mir früher nicht gestellt habe."
Lars Umanski, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD)

Lars Umanski lebt in Berlin, engagiert sich in der jüdischen Gemeinde und ist Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), die mehr als 25.000 junge Jüdinnen und Juden in Deutschland vertritt.

Dass nun in Hamburg wieder ein Angriff stattgefunden hat, dieses Mal auf offener Straße, habe ihn "leider nicht überrascht", sagt Lars. Es sei vielmehr eine Angst bestätigt worden - und ein Gedanke, den er schon länger hege: Dass wir mit der Verstärkung der Sicherheit vor den Synagogen an unsere Grenzen kommen könnten, wie er meint.

"Es ist ein mumiges Gefühl, was mich begleitet."
Lars Umanski, Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD)

Die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland ist seit Jahren hoch. Rein rechnerisch gibt es nach Zahlen des BKA pro Tag fünf antisemitische Delikte - 1.898 insgesamt im Jahr 2019. Dazu zählen Hakenkreuze auf jüdischen Gräbern oder Synagogen, Angriffe auf jüdische Einrichtungen oder auch körperliche Attacken.

Wenn Lars in Berlin unterwegs ist, denkt er darüber nach, ob er seinen Davidstern offen zeigen kann oder nicht. Es sei ein Gewissenskonflikt, sagt er: einerseits, seinen Glauben nach außen tragen zu wollen, andererseits die Vorsicht, die ihn begleitet.

Mehr Engagement, mehr Prävention

Von einem Teil der Bevölkerung fühlt er sich als Jude in Deutschland durchaus verstanden und unterstützt, sagt Lars. Es gebe aber auch Menschen, denen scheine Antisemitismus fast gleichgültig zu sein, meint Lars, nach dem Motto "Es geht mich ja nichts an". Doch es sei wichtig, vorzubeugen und aufzuklären. Lars wünscht sich mehr Bildungsarbeit in Schulen, mehr Anstrengungen von Seiten der Politik und noch mehr präventive Arbeit. "Ich vermisse da konkrete Taten."