Mareike* war in der Jugendhilfe. Als sie 18 Jahre alt wurde, fiel die Unterstützung weg. Zunächst ging sie zurück zu ihren Eltern, stellte dann aber schnell fest, dass das keine Lösung ist.

Mareike (*Name von der Redaktion geändert) hat Angststörungen und ist mit ihrer Familie nicht gut ausgekommen. Vor drei Jahren hat sie ihr Elternhaus verlassen.

Durch die Jugendhilfe bekam sie einen Platz auf einem Bauernhof in Portugal. Eine sogenannte intensivpädagogische Maßnahme. Dort konnte Mareike bei einer Familie wohnen und ein wenig auf dem Hof mithelfen.

"Ich bin da in der Maßnahme ziemlich weit gekommen. Und hab mich weiter entwickelt. Da hat man einen strukturierten Alltag und hilft so ein bisschen auf dem Hof mit."
Mareike (Name geändert) über ihre Erfahrung auf einem Bauernhof in Portugal

Fast drei Jahre verbringt sie bei ihrer portugiesischen Pflegefamilie. Dann wird sie 18 Jahre alt und das Jugendamt beendet die Maßnahme. Mareike muss zurück nach Deutschland. Hier ist sie dann allerdings auf sich gestellt.

"Dadurch, dass ich so fallen gelassen wurde, bin ich wieder in meine alten Verhaltensmuster gerutscht, das macht es mir jetzt schwieriger."
Mareike (Name geändert) profitiert von der Jugendhilfe

Das Jugendamt rät ihr, nach Bayern zu den eigenen Eltern zurückzukehren. Sie versucht es, merkte aber schnell, dass das Zusammenleben nicht gut funktioniert.

Wie schon vor ihrem Weggang empfindet sie den Kontakt zu ihren Eltern als schwierig. Mareike sagt, sie sei wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, und auch die Angststörung sei wieder gekommen.

Der Schulabschluss gelingt ihr nicht. Und auf ihre Mails reagiert das Jugendamt nicht mehr.

"Ich hänge total in der Luft und das Jugendamt ignoriert mich momentan, ich hab die mehrmals angemailt – aber die reagieren nicht."
Mareike (Name geändert) wird von der Jugendhilfe nicht mehr unterstützt

Mareike wünscht sich, an die Hand genommen zu werden. Dass jemand ihr dabei hilft, eine eigene Wohnung zu suchen und einen Therapieplatz zu finden.

Das ginge auch: Das Jugendamt könnte ihr bis zu ihrem 21. Lebensjahr Hilfe bewilligen – das passiert allerdings nur selten.

Das Jugendamt fühlt sich mit der Volljährigkeit nicht mehr zuständig

Die Sozialarbeiterin Michaela Heinrich-Rohr kennt das Problem gut. Auch aus eigener Erfahrung, denn sie ist mit 15 Jahren zu Hause weggegangen und hat dann in einer betreuten Wohngruppe gelebt.

Michaela Heinrich-Rohr hat selbst Glück: Ihre ehemalige Betreuerin hat sich auch nach dem Ende der Jugendhilfe um sie gekümmert. Bis heute hat die Sozialarbeiterin zu ihr Kontakt und betrachtet sie als eine Art Ersatzmutter.

"Das ist eine absolute Ausnahme, aber letztlich der Grund, dass ich heute da bin wo ich bin."
Sozialarbeiterin Michaela Heinrich-Rohr ist dankbar für die Unterstützung, die sie auch nach dem Ende der Jugendhilfe erhalten hat.

Die Sozialarbeiterin sagt, dass in Deutschland die meisten jungen Erwachsenen erst mit 24 Jahren das Elternhaus verlassen. Von sogenannten Careleavern wird aber mehr erwartet.

Careleaver werden diejenigen genannt, die mit der Volljährigkeit keine Jugendhilfe mehr erhalten. Sie sollen schon mit 18 Jahren so selbstständig sein, das sie ihr eigenes Leben organisiert bekommen und unabhängig sind.

"Die Careleaver trifft es mit am härtesten, weil sie am schwersten Zugang zu diesen bezahlbaren Wohnräumen bekommen. Das ist wirklich ein ganz großes Problem."
Michaela Heinrich-Rohr, Sozialarbeiterin

Vom abrupten Ende der Jugendhilfe sind viele betroffen, die es nicht sofort schaffen, sich ein selbstständiges Leben aufzubauen. Oftmals landen sie erst einmal auf der Straße. In Deutschland sind es etwa 37.000 junge Erwachsene bis 27 Jahren, die obdachlos sind. Der größte Anteil besteht aus Careleavern.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend plant eine Änderung des Jugendhilfe-Gesetz. Wird diese durchgesetzt, soll die Jugendhilfe bis zum 21. Lebensjahr bestehen bleiben. Junge Menschen sollen dann auch die Chance bekommen, in ihre betreute Wohngemeinschaft zurückzugehen, wenn es mit einer eigenen Wohnung nicht klappen sollte.

* Name von der Redaktion geändert

  • Der Verein Careleaver unterstützt Jugendliche, die mit 18 Jahren auf sich allein gestellt sind