Im kommenden Jahr wählt die Türkei gleichzeitig das Parlament und den Präsidenten. Eine Studie zeigt, dass junge Türken kein Vertrauen mehr in die Politik des Landes haben.

Mehr als fünf Millionen Erstwählerinnen und Erstwähler werden bei der Parlaments- und gleichzeitigen Präsidentschaftswahl ihre Stimme abgeben dürfen. Wie unzufrieden die jungen türkischen Erwachsenen mit den Zuständen in ihrem Land sind, hat eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ankara gezeigt, die im vergangenen Jahr durchgeführt wurde.

In einer repräsentativen Erhebung wurden 3.243 Türkinnen und Türken im Alter zwischen 18 und 25 Jahren aus 28 relevanten Provinzen des Landes befragt.

Drei von vier Befragten würden die Türkei gerne verlassen

Hohe Inflation, Mieten zu teuer, Zukunftsaussichten schlecht – die Studie habe vor allem gezeigt, wie frustriert die jungen Menschen in der Türkei seien, sagt Uwe Lueb, unser Korrespondent in Istanbul.

"Bei vielen Menschen in der Türkei, bei den 18 bis 25-Jährigen, die befragt wurden, herrscht vor allen Dingen Frust. Die sind enttäuscht und fühlen sich von der Politik nicht gehört."
Uwe Lueb, ARD-Korrespondent in Istanbul

Rund 73 Prozent, also drei von vier Befragten, haben geäußert, dass sie der Türkei gerne den Rücken kehren würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten.

Das Vertrauen in den Staat und in dessen Institutionen ist gering. Dem Amt des Präsidenten vertrauen beispielsweise nur knapp 20 Prozent der Befragten. Beim Justizsystem fällt diese Zahl noch geringer aus: knapp 12 Prozent. Das Vertrauen in die Politik allgemein und die Parteien liegt bei nur rund vier Prozent.

Das Vertrauen in die Wissenschaft ist mit rund 70 Prozent hingegen sehr groß. Möglicherweise zeigt sich hier ein Corona-Effekt, sagt Uwe Lueb.

Insgesamt beklagen rund 83 Prozent eine Ungleichheit im Land, die sie mit den wirtschaftlichen Problemen des Landes und den daraus resultierenden fehlenden Zukunftsperspektiven begründen.

"Ein einfaches Leben, in dem wir nicht für das Atmen Steuern bezahlen."
Äußerung eines Befragten, Zitat aus der Jugendstudie 2021 der KAS in der Türkei

Die Äußerung, dass sie das Land gerne verlassen würden, bedeute aber nicht, dass die jungen Türken nicht zu ihrem Land und dessen Werten stehen. Und auch das Militär genieße traditionell ein hohes Ansehen. Auch das werde in dieser Studie deutlich, sagt Uwe Lueb.

Zu den Institutionen, die den Befragten wichtig sind, zählen laut Studie vor allem Familie, Nationalsymbole wie die Flagge und die türkische Republik als solche, das Türkisch-Sein und das Andenken an den Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk.

Dazu heiße es im Bericht der Konrad-Adenauer-Stiftung: "Nationalismus als Bindeglied für die junge Gesellschaft." Die Stiftung hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass Nationalismus im türkischen Verständnis nicht negativ konnotiert ist, wie beispielsweise in Deutschland.

"Wobei man dazu sagen muss, Nationalismus ist hier nicht negativ behaftet, sondern es ist eine Selbstverständlichkeit. So wie wir es – anders oft als in Deutschland – auch aus anderen europäischen Ländern kennen."
Uwe Lueb, ARD-Korrespondent in Istanbul

Moderne urbane Gesellschaft mit hohem Bildungsgrad

Vor ein paar Jahrzehnten war das Leben in der Türkei ländlich geprägt. Inzwischen wohnen die meisten Türken und Türkinnen in Städten und Großstädten.

Diese Tatsache hat einen Einfluss auf das soziale Leben. Liebesbeziehungen vor der Ehe werden als normal erachtet und der Bildungsgrad der jungen türkischen Erwachsenen ist hoch: rund 90 Prozent haben eine höhere Schule besucht. Jede und jeder zweite studiert oder hat studiert. Das unterscheide ihre Generation sehr von der ihrer Eltern und den Generationen davor, sagt Uwe Lueb.

Soziale Medien zählen zur Hauptinformationsquelle. Das äußere sich in den Ansichten der jungen Erwachsenen, die sich von denen der Elterngeneration unterscheiden, und finde Ausdruck in einem liberaleren Leben, so Lueb.

Recep Tayyip Erdoğan wird nicht favorisiert

Man könne anhand der Studie schon eindeutig sagen, dass die jungen türkischen Erwachsenen sich eine neue politische Führung wünschten, sagt Uwe Lueb.

Auf die Frage, welchen Politiker oder welche Politikerin die Befragten am meisten bewundern würden, antworteten rund 20 Prozent mit "niemanden". Erst an zweiter Stelle mit knapp 17 Prozent wird der amtierende Präsident Recep Tayyip Erdoğan genannt.

Ein Name, der in der Umfrage nicht als Antwortmöglichkeit vorgegeben war, aber trotzdem von 16 Prozent geäußert wurde, war der des Politikers Mansur Yavaş. Er ist der Oberbürgermeister der Hauptstadt Ankara und Mitglied der sozialdemokratischen Partei CHP.

Politische Ausrichtung manifestiert sich in Wahlabsichten

Die Frage nach ihren Wahlabsichten beantworteten 10 Prozent der Befragten mit der Partei AKP, zu der auch Erdogan gehört, und rund 24 Prozent mit der Nennung der CHP, der sozialdemokratischen Oppositionspartei.

Der Studienleiter Ali Çağlar von der Hacettepe Universität in Ankara weist daraufhin, dass die Umfrage im vergangenen Jahr durchgeführt wurde. Vor dem Hintergrund der Währungs- und Wirtschaftskrise nimmt er an, dass die Angaben zur Wahlabsicht inzwischen noch ein deutlichere Tendenz zeigen würden.