Julia reist als Kind mit ihren Eltern oft nach Indien, zu den Verwandten ihres Vaters. Irgendwann merkt sie: Sie möchte sich und das Land neu entdecken, jenseits aller Klischees und ohne ihren Vater.

Wenn man Julia nach ihrer Selbstbezeichnung fragt, bekommt man eine kurze Antwort: "Ich bin Julia Wadhawan. Da steckt alles drin", sagt sie, "einerseits Julia, die in einem hessischen Dorf aufgewachsen und dort zur Schule gegangen ist." Sie habe auch viele andere Julias in ihrer Klasse gehabt. "Und in Wadhawan steckt die Tochter eines Menschen, der in Indien geboren und aufgewachsen ist," damit meint Julia ihren Vater.

"Ich habe kein Problem damit, als Person of Indian Origin bezeichnet zu werden. Aber ich würde mich damit nicht vorstellen."
Julia Wadhawan

Als Julia älter wird, merkt sie, dass sie alleine nach Indien reisen möchte: "Irgendwann habe ich dann gemerkt: Ich möchte mir dieses Land aneignen, ohne dass ich von meinen Eltern abhängig bin", sagt sie. Also beginnt sie, Indien zusammen mit ihrem Bruder oder mit Freund*innen als Backpacker zu bereisen. Später ist Julia dann auch als Journalistin im Geburtsland ihres Vaters unterwegs. "Ich habe mich freier gefühlt. Ich hatte nicht das Gefühl, da guckt ständig jemand auf mich, kontrolliert mich und hat Sorge", erzählt sie heute.

"Wenn ich kein Gegenüber habe, brauche ich keine Identität."
Julia Wadhawan

Bei ihren Reisen durch das Land stößt Julia auf Widersprüche. "Einerseits ist da das bunte Indien, andererseits ein starker Nationalismus, verbunden mit Islamfeindlichkeit. Da habe ich gemerkt: Ich verstehe das nicht. Und habe mich gefragt: Wie geht das zusammen?", so Julia. Außerdem merkt sie, dass sie nicht richtig dazu gehört: "Ohne meine Eltern habe ich gemerkt, dass die Menschen mir einerseits bekannt, aber auch fern sind." Dieses Gefühl, nicht ganz dazu zu gehören, kennt sie auch aus Deutschland. Als sie nach einem Praktikum in einer Redaktion als Journalistin sucht, wird ihr empfohlen, sich auf ein Programm für junge Menschen mit Migrationshintergrund zu bewerben. Das habe bei ihr erst mal Verwirrung ausgelöst. "Ich habe gedacht: Da passe ich ja gar nicht rein", sagt sie.

Ihre Erlebnisse (und mehr) hat Julia nun in einem Buch aufgeschrieben: "Sag mir nicht, wer ich bin. Über die Sehnsucht nach Identität und die Freiheit, nirgends hineinzupassen", erschienen im Dtv Verlag im April 2022.

"So unterschiedlich sind die Gesellschaften gar nicht."
Julia Wadhawan

Im Deep Talk erzählt Julia Wadhawan Sven Preger von ihrer Suche nach Identität, von ihren Erlebnissen in Indien und warum sie heute eine friedliche Fernbeziehung mit Indien führt.