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Die Sozialreporterin Julia Friedrichs hat die Lebensbedingungen der Working Class analysiert. Also der Menschen, die arbeiten und an deren Monatsende aber nichts übrig bleibt. "Die Working Class steht permanent mit dem Rücken zur Wand", sagt sie im Deep Talk mit Sven Preger.

Auf den ersten Blick hört es sich möglicherweise gar nicht so schlimm an. "Working Class sind die Menschen, die von ihrer Arbeit leben müssen", sagt Reporterin Julia Friedrichs. Dabei sei die entscheidende Frage allerdings, ob man Vermögen habe. "Denn Vermögen ist ein Puffer, der einem Entscheidungen erlaubt: Ziehe ich noch mal um? Mache ich noch mal etwas anderes?"

Trotz Arbeit immer zu wenig Geld

Menschen, die diese Rücklagen nicht haben, leben häufig von der Hand in den Mund. Sie arbeiten und trotzdem bleibt am Ende des Monats nichts übrig. Das Gefühl, in einem nicht mehr stoppenden Hamsterrad gefangen zu sein, kann so immens groß werden.

"Das Mindeste ist ein rentenfester Mindestlohn."
Julia Friedrichs, Reporterin

Julia Friedrichs hat mehrere Menschen aus der Arbeiterklasse über einen längeren Zeitraum begleitet. Einer davon ist Sait, der in Berlin U-Bahnhöfe reinigt. Zwei andere sind das Ehepaar Alexandra und Richard, die beide als Freischaffende Musik unterrichten und versuchen, ihre Familie über Wasser zu halten.

Alltag am Limit

Um die mehr als 100 Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Orten unter einen Hut zu bringen und das Familienleben zu organisieren, darf nichts schiefgehen. "Ihr Alltag ist unfassbar durchgetaktet", sagt Julia Friedrichs. Die Familie kann sich nicht viel außer der Reihe leisten: "Die beiden gehen davon aus, dass sie bis zum Umfallen weiter unterrichten werden."

Ihre Erlebnisse und Analysen hat Julia Friedrichs in einem Buch aufgeschrieben: "Working Class – Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können."

"Die untere Hälfte in Deutschland hat fast nichts."
Julia Friedrichs, Reporterin

Für viele dieser Menschen ist eine Besserung nicht in Sicht. "Entscheidend für die Nach-Babyboomer ist: Wer erbt?", sagt Julia Friedrichs. Dann gebe es die Chance auf Eigentum, sonst eher nicht.

Problem: Ungleiche Verteilung von Einkommen und Chancen

Die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland hat fast nichts, sagt Julia Friedrichs. Dafür gibt es mehrere Gründe, von denen zwei besonders wichtig sind: Einerseits verdienen die Menschen oftmals auch bei voller Bezahlung nur wenig. Andererseits können sie kein Erbe erwarten. Gleichzeitig habe sie auch weniger Aufstiegschancen als früher, zum Beispiel in größeren Unternehmen.

Hinzu komme die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung. Die Folge: Die Menschen würden sich zurückziehen, sagt die Sozialreporterin: "Es gibt kein Klassenbewusstsein. Es ist mehr ein Einzelkämpfertum. Und die Gegner sind die, die noch darunter stehen."

"Über die Menschen, die knapp über der Armutsgrenze leben und über diesem Abgrund schweben, wird zu wenig nachgedacht. Es geht nicht darum, wie man deren Leben wirklich verbessern kann."
Julia Friedrichs, Reporterin

Im Deep Talk spricht Julia Friedrichs mit Sven Preger über die Working Class, über einen Alltag, in dem man gerade genug zum Leben hat – und darüber, was sich ändern muss.