Ein Blitz schlägt in die Hochebene Norwegens ein und tötet auf einen Streich 323 Rentiere. Anstatt die Tiere beiseite zu räumen, dokumentieren Forschende über Jahre, was danach geschieht.

In einem Naturschutzgebiet am Ende der Welt in Nordnorwegen liegen hunderte tote Rentiere, dicht an dicht. Normalerweise müssten sie weggeschafft werden – zu hoch ist die Gefahr durch Krankheitserreger, Fliege und Pilze. Doch in der norwegischen Einöde sind die nächsten Menschen weit genug weg.

Makabrer Glücksfall für die Wissenschaft

Deshalb konnten die Forschenden eine Ausnahme machen, erklärt Kathrin Baumhöfer von den Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten. Eine solche Gelegenheit bietet sich schließlich nicht allzu oft. Die Forschenden ließen die Tiere liegen, um zu protokollieren, was nach einem solchen Ereignis in der Natur passiert.

"Es ging vor allem um die Beziehung zwischen den Aasfressern. Eine solche Menge an Kadavern ist ein wahrer Nährstoff-Boost: Erst für die Aasfresser und dann für das Ökosystem, das daran hängt."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten

Das Team stellte Kamerafallen auf, sammelte zwei Jahre lang Kot von den Tieren, die durch die Kadaver angezogen wurden, und machte immer wieder Luftaufnahmen. Die Kadaver wirken sich sowohl auf die Aasfresser aus, als auch auf das gesamte Ökosystem, das damit zusammenhängt. Die Forschenden wollten vor allem wissen, wie sich die Beziehungen zwischen den Aasfressern gestalten.

Aasfresser teilen sich auf

Im ersten Jahr beobachtete das Forschungsteam vor allem die großen Aasfresser, die sich an der Herde toter Rentiere bediente: Adler, Polarfüchse, Vielfraße, Raben und Krähen etwa. Erst, als die großen Raubvögel weg waren, kamen auch Nagetiere wie Wühl- und Feldmäuse an die Kadaver. Ihnen sei es wohl zunächst zu gefährlich gewesen.

"Es kamen auch Tiere, die gar keine Aasfresser sind. Für Singvögel wie den Wiesenpieper, den Steinschmätzer und verschiedene Arten von Ammern waren allein die ganzen Fliegen ein wahres Festmahl."
Kathrin Baumhöfer, Deutschlandfunk Nova Wissensnachrichten

Doch nicht nur Aasfresser belagerten die toten Tiere. Beispielsweise Singvögel wie der Wiesenpieper, der Steinschmätzer und verschiedene Arten von Ammern wurden von den vielen Fliegen, die um die Kadaver schwirrten, angelockt. Phasenweise konnten die Forschenden bis zu 80 Wiesenpieper auf einem Kadaver zählen.

Effekt auf die Pflanzenverteilung

Außerdem enthielten fast alle Kotproben lebensfähige Samen. Das bedeutet, die Tiere, die durch die Herde von Kadavern angelockt wurden, verteilten auch die Pflanzen anders als vorher, erklärt Kathrin Baumhöfer.

Was ein Unglück für die Rentiere war, war Glück für die Forschung. Denn die konnte so feststellen, dass das Ökosystem von einem solchen Massensterben profitiert.