Was macht ein totes Tier mit der Umwelt? Dieser Frage sind Forschende auf einer niederländischen Insel nachgegangen. Sie haben den leblosen Körper eines Wals beim Verwesen beobachtet – und dabei Erkenntnisse gewonnen, die sie vorher anders eingeschätzt haben.

Godfried war einmal 4,70 Meter lang und wog ungefähr 820 Kilogramm, als er durch die Meere geschwommen ist. Im November 2020 hat ihn ein Fischer am Strand der Düneninsel Rottumerplaat im niederländischen Wattenmeer zum ersten Mal entdeckt – dort wurde er angespült. Vermutlich ist Godfried vorher wochenlang im Meer herumgetrieben.

Godfried ist ein Zwergwal, beziehungsweise war er das. Mittlerweile sind von ihm nur noch Knochen und Haut da, sagt Diplom-Landschaftsökologin Nicole Janinhoff-Verdaat. Sie hat den Wal zusammen mit Forschenden der niederländischen Uni Wageningen die vergangenen eineinhalb Jahre beim Verwesen beobachtet. Woran der Wal gestorben ist, ist unklar.

Der Kadaver von Wal Godfried liegt am Strand der Insel Rottumerplaat. Neben ihm überprüft eine Forscherin eine Beobachtungsfläche.
© Martin Baptist | Wageningen Marine Research
Der Körper von Wal Godfried liegt in der Nähe des Strands von Rottumerplaat.

Nicole Janinhoff-Verdaat hat untersucht, welchen Einfluss der Wal während des Verwesungsprozesses auf die Vegetation um ihn herum hat. Ihre Beobachtungen stehen unter der größeren Frage, inwiefern ein verwesender Wal der dortigen Flora und Fauna, den Mikroorganismen zugutekommt oder ihnen schadet.

Wohin mit dem Kadaver?

Grundsätzlich ist die Verwesung ein normaler ökologischer Bestandteil im Nahrungsnetz. Wenn ein lebloser Wal irgendwo strandet und dort liegt, stellen sich Gemeinden und Behörden trotzdem immer wieder erneut die Frage, wohin der teilweise tonnenschwere Kadaver hingeschafft werden soll. Ihn zu entsorgen, wäre extrem teuer. Den Kadaver für eine Ausstellung zu präparieren, kommt häufig auch nicht infrage, weil der Bedarf gedeckt ist.

Und dann ist da noch der Geruch von Hunderten Kilogramm verwesendem Fleisch. Auch Godfried fing ungefähr nach fünf Monaten, als der Frühling kam, an zu riechen. Auf Rottumerplaat hat das zumindest keine Anwohner*innen gestört, weil niemand auf der Insel lebt. Die Forschenden haben sich beholfen, indem sie für die Zeit durch den Mund geatmet haben.

"Am Anfang hat es überhaupt nicht gestunken. Nach einigen Monaten hat der Wal dann doch – wenn man in seine Nähe kam – ziemlich gerochen."
Nicole Janinhoff-Verdaat, Diplom-Landschaftsökologin

Einfluss des toten Tierkörpers auf die Vegetation

Hinsichtlich der Vegetation hat die Landschaftsökologin beobachtet, dass die Pflanzen um den Kadaver etwa sechs Monate nach Beginn der Verwesung abgestorben sind. Der Grund: ein Nährstoffüberfluss. "Das wirkt quasi vergiftend. Die Pflanzen kommen mit dem Zuviel an Nährstoffen nicht mehr klar", erklärt Nicole Janinhoff-Verdaat.

Einen ähnlichen Effekt habe beispielsweise auch Möwenkot auf Pflanzen. Da, wo viele Möwen aufeinandertreffen und es viel Kot von ihnen gibt, sind die Böden häufig kahl. Auch hier gibt es in dem Moment zu viele Nährstoffe.

Für Vögel zu zäh, für Käfer perfekt

Was die Forschenden überrascht hat, war die Reaktion der Vögel auf den Kadaver. Die Wissenschaftler*innen sind erst mal davon ausgegangen, dass viele von ihnen kommen und den Körper des toten Wals zerlegen, sobald sie ihn gefunden haben. Die Vögel haben den Kadaver aber liegen lassen. Die Haut des Wals war für ihre Schnäbel zu dick, sie konnten die Haut nicht aufpicken.

Stattdessen haben die Insekten die Arbeit übernommen. Die Forschenden haben über 25 neue Käferarten ausmachen können, die der Kadaver angelockt hat. Teilweise waren es spezifische Käferarten, die zum Beispiel für das Zerlegen größerer Knochen verantwortlich sind, sagt die Landschaftsökologin. "Das war eine Entwicklung, die wir so zunächst nicht vorausgesehen hatten."

"Krähen, Möwen und so weiter haben vorbeigeschaut, aber nicht wirklich geschafft, den Kadaver zu öffnen und zu zerlegen."
Nicole Janinhoff-Verdaat, Diplom-Landschaftsökologin

"Kettenglied im Ökosystem"

Und auch die Pflanzen kommen wieder. Aktuell sind es zum Beispiel Brennnesseln und Disteln. Dass sie erst mal durch das Überangebot an Nährstoffen abgestorben sind, bedeutet nicht direkt, dass der Kadaver das Ökosystem negativ beeinflusst, erklärt sie.

Ein Walkadaver "ist ein Kettenglied im Ökosystem, was wir bislang eher entfernen." Laut der Forscherin lohnt es sich, weiter zu überlegen, ob Kadaver – da wo möglich – liegen bleiben können, damit die Natur ihren Lauf nehmen kann.

Unser Headerbild ist ein Symbolbild und zeigt einen Zwergwal vor der Küste Australiens.