Erbossyn Meldibekov ist einer der wenigen international gefeierten Künstler Kasachstans. Weil er die sozialen und politischen Zustände im Land des autokratischen Herrschers Nursultan Nasarbajew kritisiert, steht er in seiner Heimat unter Beobachtung. Als wir ihn im Museum interviewen wollen, werden wir hinausgeworfen und müssen das Gespräch auf der Straße fortsetzen.

Erbossyn ist ein einfacher Bauernsohn aus der Steppe Kasachstans. International bekannt wurde er mit seinen Installationen, Performances, Video- und Fotocollagen, in denen er die chaotische, postsowjetische Entwicklung in seiner Heimat beleuchtet und Kasachstan einen "Zusammenbruch der Kultur" attestiert.

"Alles wird archaisiert. Wenn man nur ein bisschen frei denken will, ist das für sie gleich ein Problem. Ich hatte ein Atelier, habe gearbeitet, trotzdem haben sie mich rausgeschmissen."
Erbossyn Meldibekov

Erbossyn wendet sich vor allem gegen den wachsenden Nationalismus in Kasachstan, der sich seiner Meinung nach, in einer kitschigen Verklärung der nomadischen Vergangenheit äußert. Dass traditionelle Motive die moderne Kunst zunehmend verdrängen, ist für ihn ein Indiz des aufkeimenden Kulturwandels. Seine kritischen und mahnenden Äußerungen stoßen bei Politikern kaum auf Gegenliebe. Weil er den Kulturminister mit einer ironischen Persiflage verhöhnt hat, kann er zu Hause in Kasachstan kein Atelier mehr mieten.

Kasachstan: Ein Land sucht seine Identität

Durch Stalins Deportationen in den 30er und 40er Jahren ist Kasachstan zum Vielvölkerstaat geworden: 23 Jahre nach Beginn seiner Unabhängigkeit leben hier 16 Millionen Einwohner mit 120 verschiedene Nationalitäten friedlich miteinander. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Denn der Nationalismus nimmt zu. Die Turksprache Kasachisch soll irgendwann Russisch als Staatssprache ablösen, obwohl nur wenige es beherrschen. Und auch alte Traditionen und Symbole werden wieder hervorgekramt.

​"Ich denke, dass Kasachstan eine Politik betreibt, die im Interesse von Russland und China ist. Beide Länder üben einen starken Einfluss aus. Deswegen kann Kasachstan keine eigenständige Politik machen“
Erbossyn Meldibekov

Der totalitäre Staat unter Präsident Nursultan Nasarbajew lasse keine öffentlichen Debatten in der Gesellschaft zu und politische Gegner würden ausgeschaltet, so Meldibekov weiter. Als im Ausland erfolgreicher Künstler könnte er das Land zwar verlassen, doch trotz der staatlichen Repressionen will er in seiner Heimat bleiben. Er findet es hier einfach spannender als im Westen.