Die Hochwasserkatastrophe Mitte Juli in Deutschland ist vielen noch stark im Gedächtnis. Viele Bewohner der betroffenen Gebiete sind sauer, weil sie Vorwarnungen kaum erreichten. Wie ist Deutschland auf solche Ereignisse in der Zukunft vorbereitet? Vor allem in der Prävention sind wir nicht gut aufgestellt, kritisiert der Sozialwissenschaftler Martin Voss.

Mit Blick auf die Klimakrise und unter dem Eindruck der Flut in diesem Sommer stellen sich viele Menschen die Frage, ob Deutschland ausreichend gut auf Notsituationen reagieren kann. Den internationalen Tag der Katastrophenvorbeugung am heutigen Mittwoch (13.10.2021) nehmen wir zum Anlass, auf die Warn-Infrastruktur in Deutschland zu schauen.

Deutschland versucht, bestehende Warnsysteme zu verbessern

Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin, ist der Ansicht, dass Deutschland zu sehr an alten Systemen hängt: Die Systeme hierzulande hätten bei der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz versagt, weil man in Deutschland eher versuche zu verbessern, was bereits in der Vergangenheit funktionierte.

"Über Dinge, die drohen und vielleicht passieren könnten, macht man sich am liebsten keinen Kopf, weil es Zeit, Kraft, Energie und am Ende vielleicht auch Wählerstimmen kostet."
Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin

Das hat möglicherweise auch mit uns zu tun, mit den Wähler*innen. Der Katastrophenforscher vermutet nämlich, dass es eher wenige Menschen begrüßen, wenn Geld in etwas investiert würde, das nur vielleicht irgendwann mal in der Zukunft nützlich sein könnte — und das wissen eben auch Politiker*innen.

Als Wissenschaftler betrachtet er das eigentlich nüchtern, so Martin Voss, doch am Ende sei auch er nur ein Mensch: "Wenn ich sehe, was alles passieren kann und sehe, was immer wieder passiert – und wenn ich dann überlege, was man alles dagegen hätte tun können, dann gehe auch ich schon mal frustriert ins Bett", sagt er offen.

Hat sich denn durch die Erfahrungen mit der Flutkatastrophe im Sommer etwas verbessert? Das ist schwer zu beurteilen, meint der Katastrophenforscher, weil Deutschland bis vor Kurzem noch im Wahlkampf steckte.

Bürokratie behindert notwendige Veränderungen

Immerhin: Seit den Unwettern in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sei Geld investiert worden. Auch Zulassungsverfahren in den von den Unwettern am stärksten betroffenen Gebieten wurden vereinfacht, um den Wiederaufbau zu beschleunigen. Aber um wirklich die nötigen Anpassungen machen zu können, müsse Deutschland Bürokratie abbauen.

"Man sieht natürlich auch, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht viel zu träge ist, um die Anpassung zu leisten, die nun in sehr kurzer Zeit geleistet werden muss. Die Bürokratie muss in solchen Fällen abgebaut werden."
Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin

Anpassungen wären an der Zeit, denn Experten warnen, dass uns auch in Deutschland künftig häufiger solche Extremereignisse treffen. Als Folgen der Klimakrise müssen wir uns auf extreme meteorologische Ereignisse einstellen, so auch Martin Voss.

Extremwetterereignisse schaffen auch sozialen Stress

Dass sei aber nur ein Aspekt: "Die andere Seite der Medaille ist, wie wir sozial mit der Belastung durch Katastrophen umgehen. Wir sehen ja schon, welchen Stress so eine Lage auf die Menschen hat. Und aktuell kommt ja noch die Pandemie hinzu."

Als Wissenschaftler nimmt er diesen Stress war. Immer wieder stelle sich die Bevölkerung die Frage, was das alles mit dem Klimawandel zu tun habe. Man müsse solche Krisen daher immer auch als Ganzes betrachten - also die extremen meteorologischen Ereignisse und den sozialen Stress zusammen.

"Wir merken den Stress, der damit einhergeht. Das muss man immer alles zusammen sehen. Was also auf uns zukommt, sind extreme meteorologische Ereignisse und dabei sehr viel sozialer Stress."
Martin Voss, Leiter der Katastrophenforschungsstelle an der Freien Universität Berlin

Darauf ist Deutschland nicht ausreichend vorbereitet, urteilt Martin Voss. "Allerdings ist es wohlfeil, das zu sagen. Denn das was auf uns zukommt, ist eine Art Skalensprung, den es noch nicht gab", räumt er ein. Insgesamt hätte man mit der Vorbereitung auf die Gegenwart schon vor Jahrzehnten beginnen müssen. Das sei verschlafen worden: "Daher sind wir mit der aktuellen Lage natürlich überfordert."

Wie der Katastrophenschutz selbst in Deutschland auf die Ereignisse reagiert hat, das lobt Martin Voss. Sein Fazit dennoch: Deutschland ist in der Prävention von Krisen nicht ausreichend gut aufgestellt.

Foto: Das Artikelbild wurden am 19. Juli 2021 in Altenahr aufgenommen. Die weinenden Männer sind Brüder und stehen vor ihrem von der Flut zerstörten Elternhaus.