975 gründet der Regensburger Bischof Wolfgang eine Domschule mit angeschlossenem Knabenchor. Der Chor soll der musikalischen Untermalung der Liturgie dienen.

Da Mädchen und Frauen im 10. Jahrhundert in der Kirche keine Rolle spielen, ist ihnen auch die Teilnahme an einem Chor versagt. In der Regensburger Dompräbende, ein anderes Wort für Schenkung oder Stiftung, sollen auch deshalb nur Knaben vor dem Stimmbruch singen, weil sie einen unvergleichlichen Klang hervorbringen könnten, der ihnen nach der Veränderung der Stimme nicht mehr gelingen könne.

Die Regensburger Dompräbende, aus der die "Regensburger Domspatzen" hervorgegangen sind, ist nicht die erste Gründung gewesen. Schon 796 war der Aachener Domchor ins Leben gerufen worden, es folgten die bis heute aktiven Leipziger Thomaner (1212) oder die Wiener Sängerknaben (1498). Sie sangen alle Stimmlagen: Sopran, Alt, Tenor und Bass, letztere weil einige ihrer Sänger nach dem Stimmbruch dem Chor erhalten blieben.

Um die angeblich nur durch Jungenstimmen hervorzubringende Klangfarbe zu erhalten, wurde bei manchen Jungen durch Entfernung der Hoden die Veränderung der Stimmlage aufgehalten. Erst 1903 spricht Papst Pius X. ein Kastrationsverbot aus.

In 3677 Fällen sind Jungen von 1670 Klerikern missbraucht worden

Vor etwa zehn Jahren kommt heraus, dass es zu gewalttätigen und sexuellen Übergriffen an den Sängern der Regensburger Domspatzen gekommen ist. Erzieher, Priester oder andere Lehrkräfte der Domschule werden als Täter dieser systemischen und offenbar massenhaften Vorkommnisse genannt. Das war der Diözese schon seit dem Ende der 1980er Jahre bekannt.

Damals gibt es Hinweise auf mehr als 500 Misshandlungsfälle, in die unter anderem auch der im Sommer 2020 verstorbene Domkapellmeister und Bruder von Benedikt XVI. Georg Ratzinger als "expressiver Gewalttäter" verwickelt gewesen sein soll. Tatsächlich findet eine Studie 2015 heraus, dass in mindestens 3677 Fällen Jungen von 1670 Klerikern missbraucht worden sind.

Dunkelziffer wahrscheinlich um einiges höher

Die Dunkelziffer liegt vermutlich deutlich höher, weil die Forscher der MHG-Studie keine Originalakten bekommen haben, sondern auf – möglicherweise von den Tätern – ausgefüllte Fragebögen angewiesen waren.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Regensburger Historiker Bernhard Löffler schildert einige Abschnitte der Geschichte der Regensburger Dompräbende
  • Der Regisseur und Dirigent Franz Wittenbrink war bei den Regensburger Domspatzen und beschreibt die Situation, in die die Jungen gerieten, die missbraucht wurden
  • Die DLF-Redakteurin Christiane Florin erläutert die Versuche der katholischen Kirche, den Missbrauchsskandal "aufzuarbeiten"
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld berichtet über die Gründung der Regensburger Dompräbende durch den damaligen Bischof Wolfgang von Regensburg im Jahr 975
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Nadine Kreuzahler ist zurückgegangen zu den Anfängen der Regensburger Dompräbende