Viele Leute hat die Corona-Krise in die Zwangspause geschickt, was den Job angeht. So auch den Tennis-Profi Kevin Krawietz. Weil er nicht trainieren kann, heuert Kevin Krawietz in einem Supermarkt als Hilfskraft an – und lernt mehr als nur Regale einräumen und Einkaufswägen zu desinfizieren.

Alles beginnt an einem Tag im März: Die Corona-Maßnahmen werden weiter verschärft. Anfangs kann Kevin Krawietz noch zum Training gehen, irgendwann fällt das auch noch weg. Der Tennis-Profi ist vorübergehend quasi arbeitslos. Er telefoniert mit einem Kumpel. Sie überlegen, was sie gegen die Langeweile tun können.

"Regale einräumen", schlägt sein Freund im Scherz vor. Kevin gefällt die Idee: "Jetzt ernsthaft: Wenn die Leute uns brauchen, dann sind wir ready!"

"Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Kevin hat eine Bekannte, die eine Supermarkt-Filiale leitet. Er kontaktiert sie und fragt, ob sie helfen könnten. Ja, sagt sie, in der Filiale könnten sie durchaus Unterstützung brauchen. Mit der Antwort hat Kevin nicht gerechnet, aber dann geht alles ganz schnell: Der Vertrag wird unterschrieben, und drei Tage später steht Kevin in einem Discounter – nicht als Kunde, sondern als Mitarbeiter.

Raus aus der Tennis-Bubble

Mit dem neuen Job beginnt für Kevin ein neuer Alltag: Pünktlich um 5:30 Uhr ist Schichtbeginn – nicht im Trikot, sondern im Discounter-Mitarbeiter-Shirt. Der Grand-Slam-Gewinner arbeitet vier Stunden am Tag, insgesamt knapp 40 Stunden im Monat. Er räumt Regale ein, Paletten voll mit Käse oder Wurst, desinfiziert Einkaufswagen, kontrolliert den Eingang als Security. Das alles auf 450-Euro-Basis.

Um Geld ging es ihm bei der Arbeit nicht, denn mit mehr als einer Million Dollar an Karrierepreisgeld hat er einen Mini-Job nicht mehr nötig. Für ihn ging es um etwas anderes: Er wollte in eine andere Welt eintauchen und neue Erfahrungen fürs Leben sammeln. Sich in Zeiten von Corona nützlich machen, erzählt er.

"Wir haben Paletten vom Lager in die Regale eingeräumt. Ich stand auch mal als Security fünf Stunden vor der Tür."
Kevin Krawietz, Tennisspieler

Dass Kevin zusammen mit seinem Partner Andreas Mies im vergangenen Jahr (2019) als erste Deutsche seit 1937 die French Open gewinnen konnten, wissen seine Kollegen im Discounter teilweise bis heute nicht. Für den Job sei das aber auch völlig unwichtig gewesen, sagt er. Im Supermarkt habe er viel über sich selbst gelernt und über die Gesellschaft.

Denn in seinem eigentlichen Leben drehe sich alles um Tennis, im Supermarkt habe er mit seinen Kollegen, die teilweise seit 17 Jahren dort arbeiten, über ganz andere Themen gesprochen. Vor den Kollegen habe er großen Respekt, sagt Kevin. Denn in Zeiten von Corona werde deutlich, welche Jobs wirklich wichtig sind.

"Wir haben Riesen-Respekt vor denen und uns ist bewusst geworden, wie wichtig der Job ist. In Corona-Zeiten wird einem bewusster, auf was es eigentlich ankommt."
Kevin Krawietz, Tennisspieler

Tennis braucht kein Mensch

Kevin wagte den Schritt aus seiner Tennis-Bubble in eine für ihn fremde Welt. Er bereut es nicht – im Gegenteil: Er wertschätzt die Arbeit, die Mitarbeiter im Supermarkt leisten, heute viel mehr. "Die Arbeit ist lebensnotwendig für alle Menschen." Lebensmittel und Getränke brauche jeder Mensch, Tennis nicht unbedingt, sagt er.

Trotzdem freut er sich, dass er nach der Zwangspause endlich wieder trainieren darf. Mit einer Sondergenehmigung darf er jetzt wieder auf den Tennisplatz: Er ist da nicht jeden Tag, aber immerhin drei bis vier Mal die Woche. Zeit für die Arbeit im Supermarkt bleibe da (leider) nicht mehr.