Dirk Gratzel hat fünf Kinder und möchte ihnen eine lebenswerte Welt hinterlassen. Er ist 50 Jahre alt und hat entschieden, bis zu seinem Tod klimaneutraler zu leben, um seine CO2-Bilanz bis dahin auszugleichen. 

So eine schöne lange Dusche am Morgen - zehn, 15 Minuten lang. Besonders in den kälteren Jahreszeiten genießen viele von uns die wohlige Wärme, dieses angenehme Ritual, das einen guten Start in den Tag beschert.

Dirk Gratzel duscht morgens gerade mal 45 Sekunden lang. Ein paar Sekunden gehen dabei alleine schon dafür drauf, dass sich das Wasser aufheizt. Der Prozess des Aufheizens ist ökologisch gesehen nämlich am schwierigsten, weil dafür am meisten Energie aufgewendet werden muss. Dirk duscht so extrem kurz, weil er möglichst klimaneutral leben will. Damit versucht er die CO2-Emissionen, die er verursacht, auf ein Minimum zu reduzieren. 

Bis zum Tod CO2-Bilanz ausgleichen

In vielen ausführlichen Gesprächen mit seinen Kindern hatte Dirk festgestellt, dass es ihm wichtig ist, ihnen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Aus diesem Grund ist er auf die Idee gekommen, seine CO2-Bilanz soweit zu verbessern, dass er die "Umweltsünden" seiner Vergangenheit bis zu seinem Tod ausgleicht. Davon hat er selbst auch direkt etwas: Er hat ein gutes Gewissen und lebt unbeschwerter. 

"Um die riesige Schuld, die ich ökologisch aufgebaut habe, abzubauen, muss ich zwei Dinge tun: den ökologischen Schaden meines Restlebens reduzieren und aktiv Dinge tun, um die eingetretenen Schäden wieder gut zu machen - nicht einfach nur Geld an eine Organisation spenden."
Dirk Gratzel möchte so klimaneutral wie möglich leben
Dirk Gratzel mit einem Huhn.
© Miriam Gratzel
Dirk Gratzel und ein Nachbarsjunge teilen sich acht Hühner. Mit den Eiern, die die Hühner legen, ist Dirk in der Lage ein klimaneutraleres Leben zu leben.

Nach seinem Entschluss klimaneutraler zu leben, kam eine längere Phase der Recherche. Dirk Gratzel wollte erst mal genau wissen, wie er sein Projekt am besten in die Tat umsetzen könnte. Als erstes hat er Umweltschutzorganisationen angeschrieben, um sich beraten zu lassen. Die konnten ihm allerdings nicht weiterhelfen. 

"Ich trage ja auch sehr sehr viel dazu bei, dass unsere Lebensgrundlagen sich verschlechtern. Ich möchte nicht eines Tages sterben und den Abfall meiner Existenz meinen Kindern überlassen nach dem Motto: Ich hab jetzt einen Riesensaustall angerichtet, und jetzt seht zu wie ihr damit klarkommt."
Dirk Gratzel möchte so klimaneutral wie möglich leben

Danach hat er Wissenschaftler kontaktiert, die auf dem Gebiet der CO2-Emissionen forschen. Dabei ist er auf Professor Matthias Finkbeiner und sein Team von der TU Berlin gestoßen. Die Wissenschaftler fanden das Projekt von Dirk Gratzel spannend, weil es das so bisher noch nicht gab, und schlugen ihm vor, es wissenschaftlich zu begleiten und auszuwerten. 

Die große Inventur beginnt

Um annähernd zu berechnen, wie der CO2-Fußabdruck von Dirk Gratzel in den ersten 50 Jahren seines Lebens war, musste er über all seine Lebensbereiche Auskunft geben: wie oft und wie viel er bisher mit dem Auto gefahren ist, in welchen Häusern er wie lange gelebt hat, wie oft er in seinem Leben geflogen ist, welche Konsumgüter er besitzt, aus welchen Materialen sie bestehen und unter welchen Umständen sie produziert wurden. Am Anfang seines Projekts eines klimaneutraleren Lebens stand also eine aufwendige Rekonstruktion seines bisherigen Lebens und eine umfassende Inventur in seinem Haus.

Klimaneutraler leben: kKein Fleisch, kein Benzinverbrauch, minimaler Konsum

Dirk Gratzel wohnt in einer eher ländlichen Region. Er hat sich ein Hybridfahrzeug angeschafft, dass nachts mit Ökostrom betankt wird. Statt bis zu 70.000 Kilometer im Jahr fährt er mit seinem Auto nur noch fünf bis achttausend Kilometer. Auf Flüge und weiter entfernte Städtetrips verzichtet er inzwischen komplett. In seiner Freizeit geht er gerne in die freie Natur, in den Wald und besucht Orte, die er zum Beispiel mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichen kann. Bei Arbeitsreisen überlegt er vorher, ob nicht auch eine Videokonferenz oder ein ausführliches Telefonat zum gleichen Ziel führen. 80 bis 90 Prozent seiner Reisestrecken legt er mit dem Zug zurück. Das erfordert zwar viel Leidensfähigkeit, führt aber auch zu einer wohltuenden Entschleunigung, sagt Dirk Gratzel.

"In meinen letzten 50 Jahren habe ich 1175 Tonnen CO2 emitiert. Das ist vergleichbar mit dem Inhalt von 30-35 Güterzug-Containern voller Trockeneis."
Dirk Gratzel möchte so klimaneutral wie möglich leben

"Verzicht erlebe ich gar nicht, eher Bereicherung"

Er isst nur noch Fleisch von Tieren, die er selbst erlegt hat - als Jäger hat er im Gegensatz zu vielen anderen Menschen diese Möglichkeit. Auf Käse und Quark verzichtet er, weil sie eine schlechte Ökobilanz haben. Eier bekommt er von den acht Hühnern, die er zusammen mit einem Nachbarsjungen angeschafft hat und gemeinsam mit ihm pflegt. Von Modetrends hat er sich komplett verabschiedet. Er kauft nur noch das Nötigste an Klamotten und hat einen großen Teil seiner Kleidung gespendet. 

Das einzige, was er sich an materiellem Luxus leistet: Einmal im Monat lässt Dirk seinen Tennisschläger beziehen und ab und zu benötigt er neue Munition, wenn er auf die Jagd nach Wildschweinen gehen möchte. Manche Dinge möchte er auch einfach nicht aufgeben: die gelegentliche Tasse Kaffee und seinen Hund Emil. Seine Ökobilanz hat er so enorm verbessert, neutral ist sie aber noch nicht.

"Meine Ökobilanz ist deutlich besser als die des Durchschnittsdeutschen, aber noch nicht neutral."
Dirk Gratzel möchte so klimaneutral wie möglich leben

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