Wohl niemand auf der Welt wünschte sich die aktuelle Energiekrise herbei. Wenn man ihr etwas Positives abgewinnen möchte: Sie sorgt dafür, dass Erneuerbare Energien schneller als erwartet ausgebaut werden. Doch das Tempo ist für den Klimaschutz immer noch zu gering.

Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat sich die weltpolitische Lage verändert. Und die Konsequenzen, die damit einhergingen, haben den Menschen in Deutschland und Europa vor Augen geführt, wie sehr wir bei Energieimporten bisher von Russland abhängig waren. Russland ist weltweit der größte Lieferant von Erdgas.

Das hat zu einer Trendwende geführt, sagt der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) der OECD, Fatih Birol: Die Abkehr von russischen Gaslieferungen führt zu einer schnelleren und stärkeren Hinwendung zu erneuerbaren Energien.

Fatih Birol betrachtet dies nicht nur als einen kurzzeitigen Trend, sondern eine Entwicklung, die sich auch auf die nächsten Jahrzehnte auswirken wird. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine sei maßgeblich dafür verantwortlich, dass bis zum Jahr 2030 rund 50 Prozent mehr in erneuerbare Energien investiert wird als bisher prognostiziert. Das stellt die IEA in ihrem Jahresbericht, dem World Energy Outlook, fest.

"Die Preise von Erdgas sind sehr stark angestiegen, und das bekommen alle Länder zu spüren."
Simon Müller, Direktor Deutschland beim Thinktank Agora Energiewende

Das Vertrauen in Russland sei nachhaltig zerstört, sagt Simon Müller, Direktor Deutschland beim Thinktank Agora Energiewende. Und es gebe kein glaubhaftes Szenario, das Europa in diese Abhängigkeit zu diesem einzelnen Lieferanten zurückkehren will und wird.

1,5-Grad-Ziel kann nur erreicht werden, wenn reiche Staaten ärmere unterstützen

Die Trends auf internationalen Rohstoffmärkten seien nicht gut prognostizierbar, sagt Simon Müller. Aber der Blick auf zum Beispiel die Branchen der Wärmepumpen und Wasserstoff-Techniken, in die massiv investiert wird, zeige, dass der Trend wohl bestehen bleibt. Denn: "Wenn man einmal mit so viel Kraft in eine bestimmte Richtung losgelaufen ist, dann hält das auch an."

Bei den Elektrolyseuren (Wasserstoff-Produzenten) gab es dieses Jahr im Monat August so viele Förderanträge wie im gesamten vergangenen Jahr, sagt Simon Müller. Es werde erwartet, dass sich der Markt für Elektrolyseure im Vergleich zum Vorjahr verdreifache.

"Wir mussten ohnehin wegen des Kampfes gegen die Klimakrise umsteigen auf erneuerbare Energien, und dieser Pfad, der bringt uns auch raus aus dieser Abhängigkeit."
Simon Müller, Agora Energiewende

In den Industriestaaten reichten die Investitionen "grob gesagt einigermaßen". Aber es müssen insgesamt noch mehr Geld investiert werden.

Eine große Lücke klaffe aber in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die nicht die Möglichkeit besitzen, so viel Geld in erneuerbare Energien zu investieren, sagt Simon Müller.

Sie können im Vergleich zu den Industriestaaten nur rund ein Sechstel der finanziellen Mittel in erneuerbare Energien stecken. Um das 1,5-Grad-Ziel überhaupt erreichen zu können, käme daher reichen Industrieländern wie Deutschland die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, dass die Transformation in den ärmeren Ländern deutlich schneller erfolgt, als das bisher der Fall ist, sagt Simon Müller.

Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass mit den aktuell versprochenen Maßnahmen die Erdererwärmung bei circa 2,5 Grad liegen wird, was zu einer ökologischen Katastrophe führen könnte.

  • Kurz und Heute
  • Moderation:  Markus Dichmann
  • Gesprächspartner:  Simon Müller, Direktor bei Agora Energiewende