Spanier können es: Ihr Gegenüber im Gespräch anfassen, um Empathie auszudrücken oder den eigenen Worten Nachdruck zu verleihen. Was für Spanier zum guten Ton gehört, muss sich unsere Autorin Lena Breuer erst erarbeiten.

Egal, ob guter Freund oder flüchtiger Bekannter: In Spanien ist der Umgang recht locker und ein Küsschen auf die Wangen, eine Umarmungen und das Berühren beim Smalltalk geschieht ganz beiläufig. Auch in anderen Mittelmeer-Ländern ist es üblich, dass Männer Arm in Arm mit ihrem besten Kumpel durch die Straßen schlendern. Das hat nichts Sexuelles - ganz im Gegenteil.

Deutschland, Land des Nicht-Anfassens

Nachdem sie ein halbes Jahr in Andalusien gelebt hat, fühlt sich unsere Autorin Lena Breuer regelrecht "mediterranisiert". Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Im Gespräch mit ihrer Kollegin Rahel stellt Lena schnell fest, dass wir Körperkontakt mit Freunden und Verwandten zulassen, aber uns im Büro eher unwohl fühlen, wenn andere Mitarbeiter nicht den üblichen Mindestabstand einhalten.

"Wenn das jetzt nicht dein bester Kollegenkumpel ist und sich relativ nah über dich beugt oder anfasst, dann denke ich, das muss jetzt nicht sein, da hätten noch 30 Zentimeter dazwischen gepasst."
Rahel, eine Kollegin von Lena

Berührungen und Körperkontakt, was die einen meiden, suchen die anderen bewusst. Shanti Morawa arbeitet als Körpertherapeut und bietet Kuschelseminare an. Klingt skurril und irgendwie anrüchig, findet Lena im ersten Moment. Bei den Kuschelpartys treffen sich Leute in einem gut geheizten Seminarraum, um sich anzufassen. Nährende Berührungen nennt Shanti das. Das kann einfach nur die Hand auf der Schulter sein. Bei den ganz Mutigen ist es ein Streicheln.

"Jemandem einfach nur die Hand zu halten, das passiert nur, wenn derjenige krank ist oder im Sterben liegt, dann kommt man sich wieder näher.“
Shanti Morawa, Körpertherapeut

Zu den Kuschelseminaren kommen zumeist Leute, die ein Problem mit Nähe und dem Anfassen haben. Und die sollen lernen das auszuhalten, vielleicht sogar schön zu finden. Und ihre eigenen Grenzen einzuschätzen. Denn nur die Kombination aus beiden macht anfasstechnisch glücklich, erklärt der Körpertherapeut.

Plädoyer für mehr Köperkontakt

Körperkontakt zwischen Fremden nur in Notsituationen. Das scheint Konsens in der deutschen Gesellschaft zu sein, sagt Shanti. Lena wagt das Experiment und bietet dem Körpertherapeuten eine Umarmung an. Der ist zunächst abgeneigt, da er es langsam angehen lassen möchte. Die beiden einigen sich darauf, erst einmal Händchen zu halten. Auch wenn der Gedanke zunächst fremd ist, findet unsere Autorin Lena, dass es sich schön anfühlt.