Wir Menschen unterscheiden uns in vielen Dingen – von Land zu Land, von Kultur zu Kultur. Eines haben wir aber laut eines Forschers der Universität Zürich schon immer gemeinsam gehabt: Beim Sex lassen wir lieber niemanden zuschauen.

Um unser Verhalten beim Sex zu erforschen, hat der Ornithologe Yitzchak Ben Mocha von der Universität Zürich mehr als 4500 Ethnografien über sexuelle Praktiken in fast 250 verschiedenen Kulturen der Welt ausgewertet. Ethnografien sind Beschreibungen, die bei der Feldforschung vor Ort als Beobachtung notiert werden. Es wurden also schon sehr viele Menschen bei Sex beobachtet, aber das nur am Rande.

Yitzchak Ben Mocha stellte fest: Ganz egal wo auf der Welt, die Menschen mögen in der Regel kein Publikum beim Sex. Im Tierreich ist verborgener Sex dagegen eher die Ausnahme. Was Yitzchak Ben Mocha gewundert hat: Das Phänomen des verborgenen Sex ist bisher kaum wissenschaftlich untersucht worden.

Kulturübergreifendes Verhalten

Nun könnte man ja meinen, dass man mit seiner Liebesbeziehung am ehesten dann unbeobachtet sein möchte, wenn es sich beispielsweise um eine Affäre handelt. Aber falsch gedacht. In seinen Auswertungen fand Yitzchak Ben Mocha heraus, dass wir Menschen auch in offiziellen und "sozial legitimierten Partnerschaften" unbeobachtet sein wollen. Dies gilt auch für Kulturen, in denen Menschen in sehr engem Kontakt miteinander leben. Daraus schließt der Forscher, dass es eine typische Verhaltensweise von Menschen sein muss.

Konflikte in der Gruppe vermeiden

Warum wir lieber im Verborgenen miteinander schlafen, führt der Forscher auf seine Kooperationsverhaltenshypothese zurück. Diese besagt, dass Sex ohne Publikum zu haben, dabei helfen soll, Konflikte in der Gruppe zu vermeiden.

"Diese Kooperationserhaltungshypothese besagt, dass dieses Verbergungsverhalten beim Sex helfen soll, Konflikte in der Gruppe zu vermeiden."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zumindest ist das seine Vermutung: Wenn die Paare in der Öffentlichkeit Sex haben würden, könnten auch andere davon sexuell erregt werden. Das könnte wiederum dazu führen, dass die Zuschauer versuchen könnten, den Sexualpartner abzuwerben. Daraufhin könnte dann der oder die Betrogene aggressiv reagieren, was dann eben zu einem Konflikt in der gesamten Gruppe führen könnte.

Dieses deeskalierende Verhalten ist bei uns Menschen laut des Forschers im Laufe der Evolution entstanden, da wir auf ein komplexes Sozialverhalten und eine Kooperationsfähigkeit einfach angewiesen sind.

Dominante Tiere paaren sich in der Öffentlichkeit

Tiere dagegen verstecken ihre sexuellen Verhaltensweisen nicht so pauschal wie wir Menschen, sondern nur, wenn sie damit rechnen müssen, dass ihnen sonst Ärger von ranghöheren Artgenossen droht. Deshalb paaren sich vor allem dominante Tiere auch im Beisein ihrer Gruppenmitglieder, so auch die Menschenaffen.

"Dominante Tiere paaren sich ganz offen, im Blickfeld der Gruppenmitglieder. Das gilt auch bei den Menschenaffen, die ja unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Laut des Ornithologen ist bisher nur eine einzige Tierart bekannt, bei der ein ähnliches Verhalten wie das bei uns Menschen festgestellt wurde: Der Wüstenvogel Graudrossling. Diese Art lebt sozial, in stabilen territorialen Gruppen von bis zu 22 Tieren. In diesen Gruppen gibt es ein komplexes Kooperationsverhalten. Beispielsweise ziehen die Graudrosslinge ihre Jungen gemeinschaftlich groß und es gibt feste Pärchen, die sich für die Paarung immer Orte suchen, an denen die anderen sie nicht entdecken können.