Die meisten EU-Staaten haben inzwischen ihre eigenen Corona-Apps gestoppt. Eine Warnung für Handynutzer*innen, die im Urlaub im europäischen Ausland die deutsche Corona-Warn-App (CWA) nutzen, dürfte damit der Vergangenheit angehören.

Seit mittlerweile zwei Jahren wird in Deutschland die Corona-Warn-App (CWA) genutzt. Sie zeigt auf dem Smartphone-Display die Risikobegegnungen an. Bei manchen taucht auch schon mal die rote Warnmeldung auf, die zur Kontaktreduzierung und zu einem Test mahnt. Eigentlich sollte das auch in den meisten EU-Ländern funktionieren, da die App mit den dortigen Systemen kompatibel ist, sodass Daten zwischen den Systemen ausgetauscht werden können.

Für diese Infrastruktur des grenzübergreifenden Tracings hat die EU viele Millionen Euro investiert. Die meisten Mitgliedsstaaten, zum Beispiel Belgien, Kroatien, Österreich, Schweiz, Italien oder die baltischen Staaten, haben auch mitgezogen und ihre Apps angepasst.

Frankreich, wo Deutschlandfunk-Nova-Reporter Andreas Noll samt aktivierter CWA im Urlaub war, ist eine Ausnahme. Er hat keine einzige Warnmeldung erhalten. Das Land bietet zwar eine App an, diese ist aber nicht kompatibel mit der deutschen Warn-App.

Kaum noch grenzübergreifende Kontaktverfolgung

Auf den Seiten der EU-Kommission lässt sich eine Liste aufrufen, welche Länder bei den Warn-Apps mitmachen und wie die jeweiligen Applikationen heißen. Doch die Liste macht vor allem etwas anderes deutlich: Die meisten EU-Staaten haben ihre Apps mittlerweile gestoppt – teilweise schon seit vielen Monaten.

"Die meisten EU-Staaten haben ihre Apps mittlerweile wieder gestoppt – teilweise schon seit vielen Monaten. Deshalb ist das mit der Corona-Warnung im Urlaub wohl Geschichte."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Österreich und die Schweiz haben die App zum Beispiel eingestellt. Zwei Länder, in denen Deutsche gerne Urlaub machen, vor allem im Herbst zum Wandern oder im Winter zum Skifahren.

In Frankreich gibt es die dortige App zwar noch, sie wird aber wohl nicht mehr weiterentwickelt, berichtet Andreas. Die App in den Niederlanden erscheint zwar in der Liste der EU-Kommission noch als aktiv – wer aber auf die Homepage schaut, findet dort den Hinweis: "Der Corona-Melder wurde im April eingestellt."

Auch Dänemark und Norwegen haben ihre Apps nach gut zwei Jahren europäischer Zusammenarbeit eingestellt. Eine Ausnahme bildet noch unser Nachbarland Belgien.

Technisch einwandfrei, Nutzungserfolg fraglich

Technisch hat die Verknüpfung der einzelnen EU-Apps offenbar gut funktioniert, sagt Andreas. Auch von gravierenden Datenschutzproblemen ist ihm nichts bekannt.

Beim Nutzungsverhalten wiederum gebe es große Unterschiede. So scheint das System in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern besonders akzeptiert zu sein. Am 15. August 2022 haben 8500 Personen über die App gewarnt. Seit dem Start der App im Sommer 2020 waren es insgesamt 7,6 Millionen Menschen, die sie dafür genutzt haben.

"In Deutschland wird weiter in den Ausbau der Corona-Warn-App investiert. Sie soll bis weit ins kommende Jahr hinein eine zentrale Rolle für den Gesundheitsschutz spielen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Auch in den Ausbau der CWA wird weiter investiert: Das Zertifikat von Frischgeimpften soll bald in grüner Farbe leuchten, das Zertifikat der übrigen bleibt blau. Bis weit ins kommende Jahr hinein soll die App eine zentrale Rolle für den Gesundheitsschutz spielen.

Apps werden offenbar wenig genutzt

Wie erfolgreich das grenzübergreifende Kontakttracing per App war, lässt sich in der Breite schwer überprüfen, dazu liegen noch keine umfassenden Erhebungen vor.

Vor gut einem Jahr hat die Landesregierung in Nordrhein-Westfalens eine Studie über die deutsch-niederländische Grenzregion in Auftrag gegeben. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die aufgetretenen technischen Probleme seien zwar nach ein paar Monaten beseitigt worden, doch die vom Studienteam befragten Einwohner*innen hätten die Apps kaum genutzt. Kein(e) einzige(r) hätte eine Warnmeldung erhalten. Die Apps seien heruntergeladen und schnell wieder gelöscht worden, heißt es in der Studie.

Deutsche CWA warnt oft zu spät

Die Effizienz der deutschen CWA lasse sich – aufgrund des Datenschutzes – nicht bewerten, heißt es im Evaluationsbericht des Sachverständigenausschusses, der gerade erschienen ist. Allerdings wird dort eine Zahl genannt: So erreicht eine Warnung im Schnitt 4,2 Tage nach der Risikobegegnung das Handy der zu warnenden Person. Somit wurden die meisten Infizierten erst gewarnt, nachdem sie womöglich bereits infektiös waren.

"Laut dem Bericht wurden die meisten Infizierten erst von der CWA gewarnt, nachdem sie bereits infektiös waren."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Vor diesem Hintergrund kann man das Aus für die grenzübergreifende Kontaktverfolgung wohl verschmerzen, findet Andreas. Bei dem alles andere als preiswerten Projekt habe man aber immerhin ein paar IT-technische Erfahrungen gesammelt.