Viele Menschen in Deutschland bieten derzeit Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine an, zum Beispiel auch private Unterkünfte. Jonas Kakoschke rät jedoch von zu großem Aktionismus ab und empfiehlt den Hilfsbereiten, sich vorher genau zu überlegen, warum sie jetzt ein Zimmer anbieten und was das längerfristig bedeutet.

Jonas Kakoschke arbeitet für das Projekt "Zusammenleben willkommen" vom Trägerverein Mensch, Mensch, Mensch e. V. Auf Instagram hat das Projekt gerade einen Post veröffentlicht, der folgendermaßen beginnt: "Es ist schön, dass jetzt so viele Wohnraum für Geflüchtete anbieten, aber...".

"Zusammenleben willkommen" weist darauf hin, dass Aktionismus auch gefährlich sein kann. Zum Beispiel dann, wenn Menschen jetzt Geflüchtete aufnehmen, weil sie in erster Linie etwas gegen ihre eigene Ängste in Bezug auf den Krieg unternehmen wollen.

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Jonas betont, dass er es grundsätzlich gut findet, dass nun viele Menschen ein Zimmer anbieten. Allerdings sollten wir – bevor wir das tun – uns auch ein paar Fragen stellen, etwa warum wir erst jetzt ein Zimmer anbieten, denn schließlich seien seit Jahren Menschen auf der Flucht vor Krieg und lebten in Deutschland unter sehr schlechten Bedingungen.

"Auch wir bekommen mehr Angebote für Zimmer. Und wir wollen auch gar nicht sagen, dass das verkehrt ist, das zu tun. Wir wollen nur dazu anregen, sich vorher Gedanken zu machen: Warum biete ich jetzt ein Zimmer an?"

Die Reaktion auf die Geflüchteten aus der Ukraine sei eine andere im Vergleich zur Ankunft von Geflüchteten im Jahr 2015, die zu einem großen Teil vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen waren. "Generell – medial und politisch – werden die Leute, die jetzt aus der Ukraine flüchten, sehr viel besser behandelt als POC oder BPOC, die die letzten Jahre schon hier angekommen sind", sagt Jonas Kakoschke.

Lösungen sollten gut überlegt sein

Auch sei es problematisch, nur kurzfristige Lösungen für Geflüchtete anzubieten. Jonas hat zum Beispiel von Menschen gehört, die nun mit ihrer Familie in ein Zimmer ziehen, um ein anderes Zimmer an Geflüchtete abzugeben. Das sei zwar sehr nett gemeint, könne aber auch schnell zu Konflikten führen. "Menschen, die vor Krieg geflüchtet sind, dann auch noch solche Konflikte aufzubürden – das macht es nicht besser", gibt Jonas Kakoschke zu bedenken.

Wer denke: 'Ich biete mal für zwei Wochen ein Zimmer an, danach wird sich der Staat schon kümmern!' – der würde sich täuschen, sagt Jonas und kritisiert, dass der Staat sich seiner Erfahrung nach eher nicht um Unterkünfte kümmere, sondern dass die Neuankommenden dann irgendwann in Massenunterkünften landen.

"Wenn man ein Zimmer anbietet, muss man schauen: 'Kann ich denen auch eine Perspektive bieten?'"

Seit 2014 vermittelt "Zusammenleben willkommen" Zimmer an Geflüchtete. Auch deswegen, weil Jonas und seine Kolleg*innen davon überzeugt sind, dass Integration besser gelingt, wenn Menschen dezentral untergebracht werden – und nicht in Massenunterkünften. "Und wir kritisieren an Lagern, dass die Unterbringung dort zum Teil sehr menschenunwürdig ist", sagt er.

Der Staat habe eigentlich das Geld und die Mittel, um Geflüchtete zum Beispiel in Hotelzimmern oder nicht mehr genutzten Gebäuden unterzubringen. Das sei auch die Aufgabe des Staates. Jonas findet es nicht in Ordnung, dass diese Aufgabe auf private Einzelpersonen abgewälzt würde, "und dennoch ist es natürlich schön und bemerkenswert, dass so viele Menschen sich solidarisch zeigen", sagt er.

Polizei warnt vor unredlichen Helfern

Am Berliner Hauptbahnhof sind derzeit sehr viele Helfende unterwegs, die sich mit den Kriegsflüchtlingen solidarisch zeigen, das berichtet unsere Reporterin Luise Samann. Allerdings warnt die Polizei dort inzwischen vor unseriösen Angeboten, die Frauen gemacht wurden. Helfende hatten beobachtet, wie sich zum Beispiel ein Mann eine gelbe Weste übergezogen und Frauen angesprochen hat, mit dem Hinweis, er habe ein Zimmer für sie.

Luise Samann, Deutschlandfunk Nova (08.03.2022, 7:50 Uhr). Das ganze Gespräch im Audio.
"An einem der erste Tage, als ich dort war, und alles noch sehr unübersichtlich und unorganisiert war – da lief ein Mann herum und sprach jeden und jede an, ob es nicht zwei Frauen gäbe, die er 'mitnehmen' könnte."

Inzwischen habe die Polizei mehrere Platzverweise ausgesprochen und patrouilliere mehr an den Orten, wo Geflüchtete ankommen, berichtet Luise Samann.