Seit fast zehn Monaten herrscht Krieg in der Ukraine. Der Winter ist längst da und Russland greift weiterhin die Energieversorgung an. Die Journalistin Anna Kosjuchenko lebt in Kiew. Sie erzählt von ihrem vermeintlichen Alltag.

Die Hauptstadt Kiew ist weniger stark von Russlands Krieg betroffen als andere Städte und Regionen in der Ukraine. Dennoch ist auch hier der Krieg immer präsent, so die Journalistin Anna Kosjuchenko. Sie denke jede Minute an den Krieg.

Auch, weil die Energieversorgung immer wieder unterbrochen ist. Die russische Armee versucht gezielt die Infrastruktur in der Ukraine zu zerstören.

Am 8. Dezember gab es eine neue Angriffswelle, die zu Notabschaltungen in Kiew und Umgebung, in der Region Odessa im Süden des Landes sowie in Dnipro im Landesinneren führte, so der Stromkonzern DTEK. Aktuelle Informationen bietet auch der Newsblog zum Krieg in der Ukraine des Deutschlandfunk.

Russland greift gezielt die Energieinfrastruktur an

"Jeder Schlag gegen zivile Infrastruktur stellt ein Kriegsverbrechen dar und darf nicht ungestraft bleiben", forderte der französische Präsident Emmanuel Macron am 24. November. Russlands Präsident Wladimir Putin weist aber jegliche internationale Kritik zurück und setzt die Luftangriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine fort.

Für die Menschen in der Ukraine heißt das: Stromausfälle, teils keine Heizung, kein heißes Wasser – und das mitten im Winter. Um Strom zu sparen, wird dieser zeitweise abgeschaltet. Anna Kosjuchenko hat in ihrer Wohnung in Kiew morgens Strom. Dann würde er meist für fünf Stunden ausfallen. Später kehre die Versorgung teils zurück und falle abends aber wieder aus.

Journalistin Anna Anna Kosjuchenko aus Kiew.
© privat
Die Journalistin Anna Kosjuchenko lebt in Kiew. Der russische Angriffskrieg ist auch in der Hauptstadt ständig präsent.

Auf einer Webseite können die Bewohner*innen nachvollziehen, wann es voraussichtlich Strom geben wird, um besser planen zu können. Zum Beispiel, wann sie kochen können. "Viele Restaurants und Ca­fés haben Generatoren", erzählt Anna Kosjuchenko. Dort arbeiten viele, die durchgängig eine Internetverbindung brauchen. Auch haben Behörden an einzelnen Punkten in der Stadt Stromgeneratoren aufgebaut.

"Mein Alltag ist jetzt anders als noch am Anfang des Krieges."
Anna Kosjuchenko, Journalistin in Kiew

Wenn sie ihre Freunde trifft, reden sie viel. Sie halten auch einfach "nur" Small Talk, um sich gegenseitig zu unterstützen und aufzubauen.

In der zerstörten Stadt Borodjanka in der Ukraine fotografiert eine Frau ein Motiv an einer Wand, das dem Street-Art-Künstler Banksy zugeschrieben wird. Es zeigt einen Jungen, der einen Mann niederringt. Beide tragen Judo-Anzüge. Es liegt Schnee. (22.11.2022)
© IMAGO I NurPhoto
In der zerstörten Stadt Borodjanka waren Bilder aufgetaucht, die dem Street-Art-Künstler Banksy zugeschrieben werden. Es wurde spekuliert oft es auf diesem hier einen Bezug zum russischen Präsidenten Putin geben soll, der als passionierter Judokämpfer gilt. Und hier klar zu Boden geht.

Anna Kosjuchenko engagiert sich aber auch. Dazu gehört, dass sie als zivile Freiwillige Geld sammelt für die ukrainischen Soldaten. "Sie brauchen zum Beispiel Drohnen auf dem Kampffeld." Außerdem arbeitet sie weiterhin als Journalistin und berichtet über die Situation vor Ort.

Viel Widerstandskraft, aber der Winter hat gerade erst begonnen

Zuletzt war sie in Odessa, im Süden der Ukraine. Als sie vor Ort war, wurde die Stadt mit russischen Raketen angriffen. Sie war auch in der Umgebung Odessas unterwegs und hat mit den Menschen in kleineren Dörfern gesprochen.

Sie seien bereit, einen kalten Winter zu überstehen, so die Journalistin. Man sei der Auffassung, dass die russische Armee erfolglos angreife und deshalb jetzt mit Raketen auf die zivile Bevölkerung ziele. Ein Wort, das im Moment häufig genutzt werde, laute: "unser Sieg".

  • Moderator:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Anna Kosjuchenko, Journalistin in Kiew, Ukraine