Deutsche mit russischen Wurzeln sind ebenso wie wir erschüttert über den russischen Angriff auf die Ukraine. Doch die Meinungen zum Krieg gehen auseinander, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Katja Garmasch. Sie hat selbst russische und ukrainische Wurzeln und hat sich in der Community umgehört.

In den staatsnahen oder staatlichen russischen Medien wird nicht über einen Angriffskrieg auf die Ukraine gesprochen, sondern von einer Spezialoperation zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Katja Garmasch. "Auf den russischen Fernsehkanälen wie ORT oder Rossija 1 wird weder vom Krieg noch von den Opfern großartig gesprochen, deshalb gibt es auch in Deutschland Leute, die nicht glauben, dass es ein Krieg ist", sagt unsere Reporterin. Vielmehr glauben sie, dass russischen Soldaten die Ukraine von den Nationalisten befreien würden.

Bestürzung und Scham

Laut Katja Garmasch sei das aber eine Minderheit, die an einem russischen Krieg in der Ukraine zweifelt. In ihrem Umfeld seien die Menschen sehr besorgt. Diejenigen mit einem russischen Pass würden sich schämen. Einige bisher unpolitische und neutrale Leute aus ihrer Community hätten sich gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin gestellt, weil sie gegen den Krieg sind.

"Meine Freunde sind alle in Panik und Verzweiflung."
Katja Garmasch, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

"Diejenigen, die schon immer gegen Wladimir Putin waren, leiden", sagt Katja Garmasch. Sie hätten nicht nur Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine, sondern auch für ihre Landsleute in Russland, deren Zukunft wegen der internationalen Sanktionen gegen Russland äußerst düster aussehe. Aber auch die Angst vor Terror sei sehr groß.

Verein Freies Russland verurteilt Krieg

Rina Kommisarenko aus dem badischen Raum sagt, dass Putin pathologisch krank sei. Yuri Nikitin vom Verein Freies Russland erklärt, dass viele Russischsprachige in Nordrhein-Westfalen den Krieg aufs Schärfste verurteilen würden, auch auf den Straßen dagegen protestiert und auf die kritische Situation in Russland aufmerksam gemacht hätten wie die Inhaftierung Alexej Nawalnys. All diese Schritte zur Zerschlagung der Opposition seien die Voraussetzung dafür gewesen, dass ein Protest jetzt gegen den Krieg unmöglich sei.

Viel Verständnis für Putin in Social-Media-Kanälen

In den sozialen Medien nimmt Katja Garmasch eine geteilte Stimmung unter Deutsch-Russen und -Russinnen war. "Da sieht es erschreckend aus, da ist es eher 50:50", sagt sie.

"50 Prozent der Deutsch-Russen haben Verständnis für Putin."
Katja Garmasch, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Zwar seien sie auch gegen den Krieg, aber sie halten es für heuchlerisch auf eine
Friedensdemo zu gehen, weil bereits seit acht Jahren Krieg im Donbass herrsche.

Die Schuld für die Konflikte liege bei der Nato, sagt beispielsweise der Bielefelder Valerij. Putin sei jetzt an die Wand gedrängt und hätte keine andere Möglichkeit sich durchzusetzen, meint Valerij.

Valerij erzählt, dass er mit seinen Freunden gar nicht mehr über Politik rede, weil die Meinungen so stark auseinandergehen. Der Eiserne Vorhang verlaufe selbst in seinem Bett, seine Frau habe eine ganz andere Meinung als er, deshalb spreche er mit ihr darüber nicht mehr.

Katja Garmasch hält es für zu vereinfachend zu sagen, Putin-Anhänger wären schlecht informiert. Valerij lebt seit 30 Jahre in Deutschland und informiert sich neben russischen auch in deutschen Medien.

"Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Putin-Versteher schlecht informiert sind."
Katja Garmasch, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Unsere Reporterin glaubt eher, dass Menschen, die deutsche und russische Medien nutzen, überinformiert seien. Sie entscheiden sich dann ausschließlich für eine Position.

Russische Mentalität

Russen und Russinen über 35 Jahre hätten eine starke russische und sowjetische mentale Prägung. Katja Garmasch nimmt sich selbst als Beispiel, um zu erklären, welche Auswirkung diese Prägung unter der totalitären Propaganda gehabt habe: "Am Ende glaubt man gar nichts mehr."

"Ich bin auch in der Sowjetunion aufgewachsen, in einem totalitären Land mit einer totalitären Propaganda - man schaffte sich seine alternative Realität. Am Ende glaubt man gar nichts mehr."
Katja Garmasch, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Russische Menschen seien deshalb grundsätzlich allen Medien gegenüber misstrauischer. In der aktuellen Situation hätte das zur Folge, dass sich die Menschen ihre Warheiten selbst zusammensuchen, weil sie nicht nur in den russischen, sondern auch in den westlichen Medien Propaganda vermuten.

Respekt und Tradition wichtiger als Freihet

Bei der Bewertung der Situation spielen für Russinnen und Russen auch traditionelle Werte wie Respekt und Tradition eine größere Rolle als Freiheit und Toleranz, berichtet Katja Garmasch. Putin-Anhänger würden deshalb Verständnis für ihn haben, weil er jahrelang respektlos behandelt, nicht ernstgenommen und belogen worden wäre, deshalb sei klar, dass er jetzt "sauer" sei.

Jüngere eher Putin-Gegner

Die Jüngeren hätte eher eine deutsche Mentalität entwickelt, sagt Katja Garmasch, wie zum Beispiel die 17-jährige Gymnasiastin Milena. Sie informiert sich auch auf russischsprachigen Medien und sei genervt von den Putin-Anhängern. Sie fragt sich, "ob Putin diesen Krieg weiterführen würde, wenn alle Außenminister der EU in Kiew neben Selenski Schulter an Schulter vor der Kamera stehen würden. Das wäre eine der stärksten Waffen, die wir als Europäer zur Verfügung stellen könnten."