Wer Drogen und ihre Folgen wirksam bekämpfen will, muss sie dekriminalisieren, sagt der Kriminalbiologe Mark Benecke. Warum? Dafür liefert er in seinem Vortrag zahlreiche Fakten und Argumente. Und er stellt Beispiele vor, wo es geklappt hat.
Mark Benecke hat sie selbst gesehen: die Drogentoten. Und mit Drogentoten sind nicht allein die Menschen gemeint, die an einer Suchterkrankung sterben. Oder die, die versehentlich eine Pille erwischen, in der etwas anderes steckt als gedacht. Sondern vor allem auch jene vielen Menschen, die in den Auseinandersetzungen der Drogenmafia ermordet werden.
"Es sterben unglaublich viele Leute – gar nicht so sehr an den Drogen, sondern in diesem Verteilungsmarkt der organisierten Kriminalität."
Sie alle sind Teil eines Problems: illegale Drogen. Und wenn man Mark Beneckes Argumentation folgt, ist das Hauptproblem daran weniger der Part "Drogen" als der Teil "illegal".
"Kokain und sehr viele andere Stoffe nehmen drastisch zu. Die Drogen werden immer stärker. Die ganze Welt ist unter Drogen."
Wobei er Drogen nicht verharmlost: Seinen Vortrag beginnt er damit, zu erklären, dass das, was die meisten von uns über Drogen wissen, vermutlich schon passé ist. Weil Drogen jeden Tag stärker werden.
Immer mehr Drogen, immer stärkere Drogen
In hochprofessionellen Labors entstehen immer neue Abwandlungen bekannter Drogen und auch immer mehr neue: Cannabinoide, Phenylethylamine, Streoide, Opioide, Cathinone und mehr – hunderte, vielleicht tausende meist noch unbekannte Substanzen oder Substanz-Derivate.
Der Grund: Wettbewerb und ein fortwährendes Versteckspiel, um dem Entdecktwerden durch die Polizei und gesetzlichen Verboten von Stoffen zu entgehen. Viele der neuen Varianten, die in hochprofessionellen illegalen Franchise-Laboren entstehen, unterscheiden sich von den alten vielleicht nur in einem Molekül. Oder sie sind gänzlich neu.
Drogenlabore spielen Katz und Maus mit Polizei und Gesetz
Mit den althergebrachten Tests können sie deshalb erst mal gar nicht festgestellt werden – geschweige denn gesetzlich verboten. Es ist ein stetiges Wettrennen, erklärt der Kriminalbiologe. Und bis die Behörden nachziehen können, sind längst wieder neue Stoffe auf dem Markt. Und das ohne jegliche Kontrolle.
In Deutschland sind viel mehr Drogen im Umlauf, als etwa Beschlagnahmungs-Statistiken vermuten lassen, erklärt Mark Benecke – im Vortrag stellt er etwa Studien vor, die das anhand von Abwasseruntersuchungen belegen.
"Es gibt kein Beispiel in der menschlichen Geschichte, wo Drogenverbote dazu geführt haben, dass weniger Drogen genommen wurden, dass der Staat stabiler war oder dass es mehr Sozialprogramme gab."
Für ihn ist klar: Wir haben den Kampf schon lange verloren. "Wir wissen, dass Prohibition nicht funktioniert", sagt er. Der Zweck von Drogenverboten werde immer verfehlt. Schlimmer noch: Prohibition sei kontraproduktiv.
In seinem Vortrag argumentiert Benecke mit zahlreichen Statistiken und kommt zu dem Schluss, dass Drogenverbote der Gesellschaft schaden, weil sie den Schwarzmarkt fördern und dem Staat somit Milliarden an potentiellen Einnahmen entgehen. Denn die organisierte Kriminalität macht riesige Umsätze.
"Man müsste die Prohibitionen abschaffen, und die Steuerüberschüsse müsste man abschöpfen."
Desweiteren ist Prohibition sehr teuer, sagt Mark Benecke. Weil sie Kräfte zum Beispiel von Polizei oder Gerichten binde und damit anderen wichtigen Bereichen potenzielle finanzielle Ressource entziehe.
Drug-Checking vor Clubs und bei Festivals
Und nicht zuletzt: Prohibition sei auch schädlich für die Konsument*innen, weil der Inhalt der Drogen nicht kontrolliert werde. Drogen werden mit zahlreichen Stoffen gestreckt und können verunreinigt sein – mit tödlichen Folgen. Mark Benecke plädiert zum Beispiel stark für Drug-Checking vor Clubs oder bei Festivals, wie es etwa in der Schweiz oder Österreich und auch in einigen deutschen Bundesländern erlaubt ist.
"Wollen Sie, dass Ihre Kids nicht irgendwelche Drogen nehmen, die sie nicht nehmen wollten? Dann stellen Sie einen gratis Wagen vor die Tür, der anonyme Drogentests erlaubt."
Der Kriminalbiologe führt noch viele weitere Argumente an und bringt schließlich Beispiele für Länder oder Regionen, die sich entschieden haben, die Prohibition aufzuheben. Zum Beispiel Portugal: Das Land hat bereits 2001 alle Drogen dekriminalisiert. Sehr sehr schnell ging dort die Zahl der Drogentoten und auch die der Diebstähle zurück, erzählt Mark Benecke.
"Wir müssen die Drogen testen, sie dekriminalisieren und wir müssen das gesamte Geld in Drogenvorbeugungs- und Aufklärungsprogramme stecken."
Wichtig dabei: Entscheidend für den Erfolg einer Aufhebung von Drogenverboten sei, dass das Geld, das so etwa über Steuern oder Einsparnisse reinkommt, in Drogenprävention und sozialen Rückhalt investiert werde.
"Alle Länder haben die Erfahrung gemacht, dass auch Diebstähle, Morde, Einbrüche und so weiter innerhalb von wenigen Monaten statistisch signifikant in den Keller gegangen sind. Es gibt keine Ausnahme davon."
Mark Benecke ist Kriminalbiologe mit Spezialisierung auf forensische Entomologie und arbeitet international auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik. Er ist außerdem als Autor und Kolumnist tätig und in der Partei Die Partei aktiv.
Seinen Vortrag "Drogen-Verbote & Kriminalistik" hat er am 26.06.2026 im Rahmen der Ringvorlesung "Ausgewählte Kapitel der Toxikologie und Umweltmedizin" in Kiel gehalten. Veranstaltet wurde die vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel. Für den Podcast wurde der Vortrag etwas gekürzt.
- Vortragsbeginn - Ausgangslage
- Folgen des Handels mit illegalen Drogen
- Lösung Dekriminalisierung? Beispiele Portugal, USA und Thailand
- Fazit
